Mensch, hier darfst Du’s nicht mehr sein

Beim den diesjährigen Internationaux de Strasbourg kamen erstmals digitale Linienrichter zum Einsatz. Fehlerlose Fehleranzeige - keine Dispute mehr um In oder Out. Wird uns da schließlich was fehlen? Doch was?

Ein Linienrichter war einst ein echter Mensch. Ihm wurde eine Linie zugeordnet, um die herum er die Einschläge in Sekundenschnelle zu In oder Out sortieren musste. Heute übernimmt ein kleiner schwarzer Kasten seine Aufgabe. Foto: © Michael Magercord

(Michael Magercord) – „Fault!“, schallte es in der dritten Maiwoche so manches Mal über den Tennisplatz im Norden Straßburgs. Dann war beim Damenturnier mal wieder ein Ball als im „Aus“ befindlich befunden, was im Tennis-Englisch als „Fehler“ möglichst laut beschrien wird.

Das stimmt natürlich nicht. Denn ein Fehler ist etwas, das sich wieder beheben ließe. Aber hier handelt es sich um ein Endgültigkeitsereignis: Out ist Aus und der Punkt wird vom Schiedsrichter für immer und ewig der Gegenseite gutgeschrieben, Punkt aus. Wenn aber ein Fehler Fehler genannt wird, der gar kein Fehler ist, ist dann noch der Richter Richter?

An dieser Stelle nähern wir uns nun dem Kernproblem, dass sich in dem Schrei in Straßburgs Norden verbirgt. Der Schrei ist nämlich gar kein Schrei mehr, ausgestoßen von einem echten Menschen, sondern ein automatisierter, vorab aufgenommener digitaler Stromimpuls, ausgelöst vom Beobachtungsgerät, das die entsprechende Linie immer unter voller Kontrolle hat.

Nur wo er spielt, ist der Mensch Mensch, hieß es bei Friedrich Schiller, und heute wissen wir noch besser als seinerzeit, dass es nichts Ernsteres gibt als das Spiel. Bei ihm geht es nämlich nicht nur um Leistungsvergleiche bei allen erdenklichen Variationen von Ertüchtigungen, sondern ebenso um die alltägliche Erfüllung des höchsten Anspruches an das gemeinschaftliche Leben unter Menschen: der Gerechtigkeit. Was ja eigentlich bestenfalls im Himmel wirklich erreichbar ist, soll hienieden wenigstens in den Sportarenen walten, den Orten auf Erden also, wo es immer wieder aufs Neue wirklich ernst wird.

Um das Ideal zu erreichen, gibt es Schiedsrichter. Allerdings würde jeder Fehler bei ihrer Fehlersuche der höheren Fehlergerechtigkeit widerstreben. Was also liegt näher, die Fehleranzeige einer wahrlich unbestechlichen, fehlerfreien und komplett neutralen Institution zu überlassen? Also her mit dem eiskalten Gerechtigkeitssinn der Maschine! Wir haben doch nicht umsonst unser bisheriges Leben im Industriezeitalter verbracht und sind jetzt auch noch dabei, langsam aber sicher ins Digitaluniversum umzusiedeln.

Der Ruf nach Beihilfe zur Gerechtigkeitsermittlung beim Tennis erging schon sehr früh in Richtung Elektronik. Ein erstes System zur Klärung der einzig wirklich umstrittenen Entscheidung im weißen Sport kam 1974 zum Einsatz. Damals mussten gespulte Drähte unter den Linien verlegt werden, die einen Impuls an einen Rechner übertrugen. Zwar waren Linienrichter aus Fleisch und Blut noch zugegen, doch der Computer berichtigte die verbliebenen Menschen. Dieses System war nur in kostspielig umgebauten Hallen einsetzbar und setzte sich deshalb nicht durch.

Doch nach der für die Lösung der elementaren Menschheitsfrage ausgesprochenen Winzigkeit von kaum fünfundvierzig Jahren war es dann so weit. Als „Falkenauge“ animalisch vermenschlicht kam 2017 an hochoffiziellen Tennisplätzen ein erstes ELC zum Einsatz: Electronic Line Calling, zu Deutsch also in etwa Elektronisches Linien-Geschrei. Das videobasierte System wurde zuerst bei den US Open zum letzten Schrei, dann in Australien und letztes Jahr sogar beim altehrwürdigen Turnier in Wimbledon. Einzig bei den French Open wird noch menschlich gerichtet, allerdings hat in diesem Jahr die französische Vorbastion Straßburg vor dem ELC kapituliert.

Noch vor einem Jahr erkannte Jérôme Fechter, Co-Direktor des WTA-Turniers im Elsass, in einem Gespräch mit der lokalen Zeitschrift OrNorme im ELC eine „Dehumanisierung des Sports“, die dem Ereignis schade: „Es ist, als würde man in der Oper das Orchester durch ein Bandgerät ersetzen“. Nur ein Jahr später ist es so weit, wobei es aber noch nicht ganz so weit ist. Denn es wurde zunächst einmal ein Zwittersystem eingeführt. Als scheute man sich noch vor der letzten und eigentlich unausweichlichen Konsequenz, erfolgt bei vermeintlichen Ungewissheiten eine unmittelbare Überprüfung der maschinellen Entscheidung durch Menschen in Kellern vor Bildschirmen – ganz so, als wolle man den Spielerinnen die doch menschlich-allzumenschliche Meckermöglichkeit über Fehler des Schiedsrichters nicht ganz nehmen, obwohl sie natürlich keine Aussicht auf Erfolg mehr haben kann.

Sicher wird dieses Zwitterschiedsrichterwesen eine Übergangserscheinung bleiben. Denn natürlich ist es müßig noch von Gerechtigkeit zu sprechen, wenn der Unbestechliche von den Bestechlichen überprüft wird. Das ist eine Umkehrung des Rechtsprinzips und somit kaum haltbar. Das dämmert übrigens auch schon den noch verbliebenen so genannten Hauptschiedsrichtern, die beim Tennis auf ihren Ausgucken überm Platz schweben. Was bleibt ihnen noch? Netzroller begutachten – wobei auch hier ein einfacher Draht genügen würde – und den aktuellen Spielstand kundgeben – was wohl jedes KI-Kind auch könnte.

Die Schiedsrichterin Marta Mrozinska aus Polen, die in Straßburg das Doppelfinale begutachtete, gestand nach dem Spiel gegenüber Eurojournalist(e), dass man sie nicht mehr braucht, sobald ein Spiel gesittet abläuft, wenn also weder Akteure noch Zuschauer zur Ordnung rufen werden müssen. Und als Profi-Schiedsrichterin in allen großen Turnieren der Welt dürfte sie wissen, wovon sie redet. 2018 bei den Italian Open entzündete sich an einer von ihr zurückgenommen Linienrichterentscheidung ein endloser Streit, der noch lange in den einschlägigen Medien fortgesetzt wurde und in der Forderung nach unbestechlichen Maschinen mündete. Letztes Jahr konnte sie dann doch wieder die Wichtigkeit ihrer Rolle beweisen: Damals drohte ein Spieler dem anderen gute alte Kloppe an. Marta Mrozinska musste vom Thron steigen und die beiden Streithähne zusammen mit dem Sicherheitspersonal voneinander trennen.

All das war im Doppelfinale in Straßburg nicht nötig: Unbestrittener klarer Sieg nach zwei Gewinnsätzen, kein Disput unter den Spielerinnen, auf der Zuschauertribüne war auch nicht allzu viel los und nach einer Stunde und vierzig Minuten war das ganze Spiel auch schon vorbei – und wäre im Ergebnis wohl kaum anders verlaufen, wenn es keinen Schiedsrichter mehr gegeben hätte.

Vorbei die aufgeregte Szenen adrenalingepuschter Furien vor vermeintlichen Ballabdruckpunkten. Spielerin Daria Kasatkina begrüßt das Ende der Ungewissheit über die Richtigkeit der Entscheidungen – und wir Zuschauer? Lebhaft erinnern wir uns an ein Szene aus dem Straßburger Turnier 2018. Das rumänische Doppel lag im Halbfinale zurück, die Gegnerinnen hatten einen Satzball, da erzürnte sich die Spielerin Mihaela Buzarnescu über eine Linienentscheidung so sehr, dass ihr Hormonhaushalt gänzlich in den Angriffsmodus schaltete, und siehe: Vor lauter Wut drehte sie das Match und gewannen mit ihrer Partnerin schließlich auch noch das Finale – ach je, war das… Egal, damit ist jetzt dank der unbestechlichen Technik Schluss! Wer Technik widerstehen wollte, müsste ganz auf sie verzichten. Aber das ist wohl menschenunmöglich, ist doch der Mensch ohne seine Technik kaum überlebensfähig, weshalb bisher jeder Aufstand gegen den Siegeszug der jeweils neuesten Technik durch alle Lebensbereiche so zwecklos war.

Und so stellt sich jetzt die K.o.-Frage aller KI-Fragen: Wie viel Mensch braucht es noch, wo Menschen sind? Oder anders gefragt: War es bloß Zufall, dass sich die Entwicklung elektronischer Linienrichtersysteme im Tennis und Videotennisspielen zeitgleich vollzog? Natürlich nicht! 1958 gab es schon das erste künstliche Tennisspiel, das aber nur auf einem Oszilloskop zu sehen war und aussah wie eine besorgniserregende Radioaktivitätsmessung. Aber dann, 1972, hat es „Pong“ gemacht! Auf einem Schwarzweiß-TV-Bildschirm ließen sich zwei Balken verschieben und mit ihnen ein Lichtpunkt nach dem Prinzip Einfallswinkel-gleich-Ausfallswinkel über ein tennisartiges Feld jagen. Und schon zwei Jahre später, als der erste Drahtnetzlinienrichter in die Tennishalle kam, konnte die Firma Atari – der Tennisgott habe sie selig – Pong auf den Markt bringen und sogleich 150.000 Konsolen verkaufen.

Heute verzichtet man beim analogen Rest-Tennis im Namen der Gerechtigkeit bereits auf Linienrichter – und bald schon könnte man noch, um auch die letzte Fehlerquelle aus diesem Spiel zu beseitigen, sprich: auf die Spieler verzichten! Das geht nicht? Spieler sind einfach unersetzlich! Schon mal was von humanoiden Robotern gehört? Garantiert hormonfrei werden sie schon bald über den Platz fegen können, dass uns neben dem Hören noch das Sehen vergehen wird. Wie bei Pong wird sich die Ballgeschwindigkeit hochdrehen lassen und die KI sorgt dafür, dass keine Fehler mehr vorkommen.

Tennis wird zu dem werden, worauf unser Leben – wissentlich unwissentlich – in den Zeiten des digitalen Wandels ohnedies unerbittlich zusteuert: Es wird ein himmelsgleiches Spiel sein, gerecht und ewiglich – endlich unendlich! Ach je, wird das…

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