Misshandlungen und Missbrauch in einem katholischen Internat

Schlagzeilen wie diese sind in den letzten Jahren häufig zu lesen – doch der Skandal im südwestlichen Frankreich könnte sogar Premierminister François Bayrou den Job kosten.

Idyllisch gelegen und durch und durch verdorben – Bétharram am Fuss der Pyrenäen. Foto: Croberto68 at Italian Wikipedia / Wikimedia Commons / PD

(KL) – In den letzten Tagen ist viel von der katholischen Kirche die Rede, insbesondere seit dem Tod von Papst Franziskus. Doch in Frankreich steht die katholische Kirche wegen eines ganz anderen Skandals in den Schlagzeilen. Das katholische Internat Bétharram in der Nähe der Stadt Pau am Fuss der Pyrenäen steht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, da jahrzehntelange Fälle von Misshandlungen und Missbrauch bekannt geworden sind. Was die Angelegenheit noch delikater macht, ist dass die Tochter von Premierminister François Bayrou zu den zahlreichen Opfern gehört und Bayrou, als Mitglied des Verwaltungsrats dieser Einrichtung und auch als Bürgermeister von Pau und in verschiedenen anderen Funktionen, bereits damals über diese Fälle in Kenntnis gesetzt wurde. Bislang leugnet Bayrou, diese Fälle gekannt zu haben, doch gibt es mittlerweile mehrere eidesstattliche Aussagen, die bestätigen, dass Bayrou sehr wohl informiert war. Dass er nicht bemerkt hat, wie seine eigene Tochter in dieser Schule gequält wurde, ist höchst seltsam und dass er vor der Nationalversammlung das Offensichtliche geleugnet hat, könnte ihn bereits demnächst den Job kosten.

Das, was französische Medien inzwischen als „Terror-Regime von Bétharram“ bezeichnen, hatte jahrzehntelang System. Davon zeugen auch die mehr als 200 Klagen (davon 90 wegen sexuellem Missbrauch), die seit Bekanntwerden des Skandals von Opfern gegen die Täter eingereicht wurden. Offensichtlich gaben sich alle Verantwortlichen, darunter eben auch Bayrou, viel Mühe, diesen Skandal unter den Teppich zu kehren, was ja auch seit den 1970er Jahren gelang.

Am 14. Mai muss Bayrou hierzu vor einem Untersuchungsausschuss aussagen und bereits dann könnte es eng für ihn werden. Denn zahlreiche der Fälle beziehen sich auf einen Zeitraum, zu dem Bayrou nicht nur lokale und regionale Ämter bekleidete, sondern auch noch Bildungsminister Frankreichs und damit verantwortlich für die Schulen war. Zwar gab sich Bayrou nach Bekanntwerden des Ausmaßes dieses Skandals schockiert, doch belegen verschiedene Aussagen, dass er bereits damals von den Vorwürfen gegen Priester, Lehrpersonal und Aufsichten wusste, ohne in irgendeiner Form aktiv zu werden.

Gewalt, körperliche Züchtigungen, sexueller Missbrauch gehörten in Bétharram ebenso zum „pädagogischen Programm“ wie in der deutschen Odenwald-Schule und anderen Einrichtungen und es ist immer wieder erstaunlich, dass solche Gewalttaten offenbar zur „katholischen Kultur“ gehören. Dabei ist die Strategie der katholischen Kirche überall die gleiche – alles leugnen und nur scheibchenweise das zugeben, was ohnehin lückenlos nachgewiesen werden kann. Von Reue keine Spur, es ist fast so, als seien die Opfer, die diese Mauer des Schweigens durchbrechen, eine Art Nestbeschmutzer, die den „normalen“ Betrieb stören.

Hélène Perlant, die Tochter von François Bayrou, deren Mutter auch in Bétharram Religionsunterricht gab, ist der Ansicht, dass ihre Familie mehr als andere politisch und lokal in diesen Fall verstrickt ist. Doch statt den Fall aufzuarbeiten, zieht sich die Schulverwaltung darauf zurück, dass fast alle Fälle in den 70er bis 90er Jahren inzwischen verjährt sind. Für die Opfer ist dies ein weiterer Schlag ins Gesicht, denn diese Aufarbeitung, auch Jahre später, wäre für die Opfer sehr wichtig und dass die Täter unbehelligt davonkommen, ist für viele unerträglich.

François Bayrou ist als Premierminister damit eigentlich schon heute untragbar, denn wie soll sich ein Politiker, der nicht einmal in der Lage ist, Übergriffe auf seine eigene Tochter in einer Schule zu bemerken, in der er selbst im Verwaltungsrat sitzt und für die er aufgrund seines Amtes eine besondere Verantwortung hat, um Wohl und Wehe der Franzosen kümmern? Es wäre kaum verwunderlich, müsste Präsident Macron demnächst den 7. Regierungschef innerhalb eines Jahres ernennen. Frankreich ist unter diesem Präsidenten in eine Krise manövriert worden, die das Land seit langen, langen Jahren nicht erlebt hat. Und es wird nicht besser…

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