Natürlicher Wasserstoff – eine Utopie?
Bei der Messe „Innopolis“ in Paris leistete der Vorsitzende des Vereins „H2Strasbourg“ einen wichtigen Beitrag. Doch es bleibt noch viel Arbeit auf dem Weg zur Dekarbonisierung der Industrie.
Pascal Houssais (links) von "H2Strasbourg" bei seinen Einlassungen bei der Pariser Messe "Innopolis". Foto: privat
(KL) – Was ist nur in Frankreich los, dem Land, das auf einem der größten Schätze der Welt sitzt und dennoch das Heben und Nutzen dieses Schatzes nach Kräften bremst? Im ostfranzösischen Folschviller befindet sich das weltweit größte momentan bekannte Vorkommen an natürlichem Wasserstoff (H2nat), der saubersten und günstigsten Energiequelle, mit der auf Jahrzehnte hinaus die Industrie weltweit dekarbonisiert werden könnte. Doch statt hier Vollgas zu geben, will man in Frankreich lieber die Investitionen in Atomkraft, der insgesamt teuersten Energiequelle der Menschheit und in „grünen Wasserstoff“, der über eine aufwändige Elektrolyse nutzbar gemacht werden muss, amortisieren. Langfristig kann das dazu führen, dass Frankreich in all diesen Bereichen ins Hintertreffen gerät und den lothringischen Schatz brachliegen lässt.
Bei seinen Einlassungen bei der Pariser Messe „Innopolis“ läutete der Präsident des Straßburger Vereins „H2Strasbourg“ Pascal Houssais, der im letzten November in der Europahauptstadt gemeinsam mit Partner-Organisationen den ersten europäischen Kongress „Wasserstoff ohne Grenzen“ organisiert hatte, der international viel Beachtung fand, die Alarmglocken. Im weltweiten Rennen um die wertvolle Ressource H2nat hat Frankreich heute noch einen Vorsprung, doch wenn die Arbeiten in Folschviller nicht zügig vorangetrieben werden, könnte dieser Vorsprung verspielt werden. Denn die Welt wird nicht darauf warten, dass Frankreich seine Atomlobby glücklich gemacht und seine Investitionen in den um ein Mehrfaches teureren „grünen Wasserstoff“ amortisiert hat, bevor man sich ernsthaft um den natürlichen Wasserstoff kümmert.
So kritisierte Houssais völlig zurecht, dass die meisten der vielen Agenturen, Unternehmen oder Event-Organisationen den natürlichen Wasserstoff nur als eine Energiequelle unter vielen behandeln, wie beispielsweise bei vielen Veranstaltungen, bei denen Themen wie die Geothermie, Lithium und eben Wasserstoff munter durcheinander geworfen werden. Dabei sprach sich Houssais weder gegen die Arbeiten an der Geothermie aus, noch gegen die Förderung von Lithium, dem Rohstoff, aus dem unter anderem Batterien hergestellt werden, sondern er merkte an, dass der natürliche Wasserstoff weiterhin ein wenig stiefmütterlich behandelt wird, was dem enormen Potentiel dieser Ressource nicht entspricht.
Die Arbeiten der beiden Forschungsdirektoren des CNRS und der Universität Lorraine, Philippe de Donato und Jacques Pironon und des Betreiber des Standorts Folschviller, der Française de l’Energie, die dieses riesige Vorkommen an H2nat in Lothringen mit neuen Technologien entdeckt haben, stehen dabei im Zentrum der Arbeiten des Straßburger Vereins. „Es ist erstaunlich, dass sie ständig in die USA, nach Japan und in andere Länder eingeladen werden, um sich dort mit den Wissenschaftlern dieser Länder auszutauschen, während es in Frankreich immer noch Interessensgruppen gibt, die den natürlichen Wasserstoff als ‘Utopie’ bezeichnen und die Wissenschaftler geradezu belächeln. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Utopie, sondern um den Königsweg zur Dekarbonisierung der Industrie und somit hin zu einer Trendwende im Bereich des Klimawandels.“
Doch vielen Akteuren in diesem Bereich geht es gar nicht darum, den Klimawandel zu stoppen und die Umweltbelastungen zu senken. „Viele staatliche und halbstaatliche Strukturen arbeiten in erster Linie daran, ihre teilweise großen Budgets zu rechtfertigen, weswegen sie mit einer Art ‘Gemischtwarenladen’ unterwegs sind, während viele private Akteure vor allem Geld verdienen wollen. Doch im Bereich von H2nat geht es in erster Linie darum, eine Trendwende gegen den Klimawandel einzuläuten und zwar mit einer in großen Mengen verfügbaren Ressource, die, sobald sie gefördert wird, zu einem sehr günstigen Preis zur Verfügung stehen wird. Dieser Schritt muss jetzt erfolgen, und nicht etwa in ein paar Jahren, denn bis dahin wird Europa im Bereich des Wasserstoffs ins Hintertreffen geraten sein.“
Was nun erforderlich ist, verriet Houssais bei dieser Pariser Messe ebenfalls: „Wir müssen deutlich mehr informieren und kommunizieren, denn so lange die Politik, die den Rahmen für diesen Bereich schaffen muss, von verschiedenen Lobbys mit irreführenden Informationen gefüttert wird, kann sie gar keine richtigen Entscheidungen treffen. Doch hier steht weitaus mehr auf dem Spiel, als die Gewinne von Unternehmen und die Budgets von Agenturen und Organisationen, hier geht es darum, den Klimawandel zu stoppen, so lange dies überhaupt noch möglich ist!“
Der Einsatz, mit dem „H2Strasbourg“ an dieser Information zum Thema H2nat arbeitet, ist bemerkenswert. Trotzdem muss die Informations-Arbeit parallel zu den Arbeiten des staatlichen Forschungsinstituts CNRS und der Française de l’Energie noch stark ausgeweitet werden, denn im Wettlauf um diese wertvolle Ressource kann es sich Europa nicht leisten, den Anschluss zu verlieren, vor allem nicht in einer Situation, in der Europa heute noch einen echten Vorsprung hat. Erfreulich ist, dass man in nächster Zeit noch deutlich mehr von „H2Strasbourg“ und zum Thema „H2nat“ hören wird…
Kommentar hinterlassen