Politik ist mehr als nur Mathematik
Für die Stichwahl der OB-Wahl in Straßburg ist es zu zwei Fusionen von Listen gekommen. Doch wer meint, dass es jetzt reicht, die Ergebnisse des ersten Wahlgangs zu addieren, der täuscht sich.
Wenn man das Wählerverhalten so einfach ausrechnen könnte, dann wüsste man das... Foto: Ecole polytechnique Université Paris-Saclay / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 2.0
(KL) – So, aber jetzt geht es nicht mehr um die nächsten Jahre der Stadt Straßburg, sondern um Posten und Pöstchen und ein warmes Plätzchen am Ofen für zahlreiche Kandidaten und Kandidatinnen. Doch reicht es nicht, die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der jetzt fusionierten Listen zu addieren, denn so funktioniert Politik nicht und es wäre nett, wenn die ohnehin schon im Fadenkreuz der Kritik stehenden Parteien aufhören würden, die Wählerinnen und Wähler für Idioten zu halten. Doch genau das passiert jetzt in der Europahauptstadt, wo es zu zwei Fusionen von Kandidatenlisten vor der Stichwahl gekommen ist.
So treten am Sonntag drei Listen zur Stichwahl an. Da wäre die gemeinsame Liste von Catherine Trautmann (25,93 %) und des Macronisten Pierre Jakubowicz (5,1 %) – das wären rechnerisch rund 31 %. Dann kommt die Liste der grünen Amtsinhaberin Jeanne Barseghian (19,7 %) und der linksextremen LFI mit Florian Kobryn (12,0 %) – das wären dann rechnerisch etwas mehr als 31 %. Und als dritte Liste wäre da die konservative Liste von Jean-Philippe Vetter (24,2 %), der bereits im Vorfeld eine Fusion mit egal wem ausgeschlossen hatte. Sollten die Wählerinnen und Wähler der Rechtsextremen Kandidatin Virginie Joron (7 %) für die einzig verbliebene konservative Liste stimmen, käme auch Vetter auf rund 31 %. Abgesehen davon, dass es am nächsten Sonntag erneut nach einem extrem knappen Rennen aussieht, haut diese Art von Mathematik nicht hin – denn das würde voraussetzen, dass das Stimmvolk genau das macht, was die Parteioberen empfehlen. Doch das wird nicht passieren.
So ist die Fusion der Grünen mit den Linksextremen starker Tobak, der Jeanne Barseghian eher Stimmen kosten wird, als Stimmen zu bringen. Immerhin tut sich Barseghian mit der einzigen Partei in Frankreich zusammen, in der es Stimmen gab, die den „Schlächter von Teheran“ Ali Khamenei betrauerten und es bis heute nicht schafft, die Hamas zu verurteilen. Die ersten Kandidaten auf Barseghians ursprünglicher Liste haben bereits ihren Rücktritt erklärt und es dürfte etliche grüne Wähler geben, die mit der Islam-lastigen LFI nichts zu tun haben wollen. Ob diese Fusion der Weg zum Wahlerfolg ist, ist sehr fraglich.
Doch auch die Fusion zwischen der Sozialistin Catherine Trautmann und dem Macronisten Pierre Jakubowicz stellt Fragen. Bereits in Paris kann sich die „Macronie“ nur dank der Sozialisten an der Macht halten, die von einer „linken“ Partei zum Systemträger der antidemokratischen, rechten Politik von Emmanuel Macron geworden sind. Ob nun diese Fusion nicht für viele sozialistische Wählerinnen und Wähler eine rote Linie darstellt, wird man am Sonntag sehen. Und auch, ob die 5,1 % Wähler von Pierre Jakobowicz geschlossen zu Catherine Trautmann wechseln, ist mehr als fraglich. Und überhaupt – beiden, Trautmann und Jakubowicz, wurde gestern von ihren Parteispitzen in Paris angekündigt, dass sie aufgrund dieser Fusion aus ihren jeweiligen Parteien ausgeschlossen werden sollen. Viel schlechter kann dieses gemeinsame Abenteuer nicht starten…
Bleibt also die Liste von Jean-Philippe Vetter, der ohne Fusion in die Stichwahl geht, nachdem er im ersten Wahlgang ein Ergebnis geholt hatte, das deutlich über den Umfragen lag. Vetter hofft nun auf die Stimmen der Nichtwähler im ersten Wahlgang und auch auf Stimmen aus dem rechtsextremen Lager, denn die 7 % Wähler von Virginie Joron werden sich kaum den beiden anderen Listen zuwenden.
Kurz, das Rennen am Sonntag ist völlig offen und die Fusionen der Listen könnten diesen Listen eher schaden als nützen. Denn es wird offensichtlich, dass es jetzt nicht mehr um Straßburg und die Straßburger geht, sondern in erster Linie um die persönlichen Ambitionen der Kandidaten und Kandidatinnen, die alles daran setzen, sich für die nächsten Jahre ins gemachte Bett zu legen. Und wie auf nationaler Ebene, wo das politische Frankreich ebenfalls völlig zerrissen ist, bleibt die Erkenntnis, dass auch die nächste Stadtregierung in der Europahauptstadt nur einen überschaubaren Teil der Bevölkerung repräsentieren wird – und das gibt leider kein Vertrauen in die kommenden Jahre. Und so wird man damit rechnen müssen, dass die Wahlbeteiligung am Sonntag relativ schwach ausfallen wird, denn im Gemauschel zwischen Parteien und Listen bleiben immer die gleichen auf der Strecke – die Bürgerinnen und Bürger.
Kommentar hinterlassen