Pulverfass Frankreich

Es war „nur“ ein Fußballspiel. Nach dem Sieg von PSG im Finale der Champions League brachen im ganzen Land gewalttätige Auseinandersetzungen aus.

Auch im Elsass kam es in der Nacht zum Sonntag zu Auseinandersetzungen, Vandalismus und Plünderungen. Foto: Eurojournalist(e) / CC-BY 2.0

(KL) – Wie zerrissen die französische Gesellschaft ist, zeigte sich am Samstagabend. Nachdem PSG das Finale der Champions League gewonnen hatte, feierten die einen fröhlich in den Innenstädten, während die üblichen Verdächtigungen die Gelegenheit nutzten, eben diese Innenstädte mit einer Orgie der Gewalt und der Zerstörung zu überziehen. Inzwischen wird jeder Vorwand genutzt, um Gewalt und Zerstörungswut in die Städte zu tragen.

Wie will Frankreich nur aus dieser Spirale der Gewalt wieder herausfinden? Das Problem dieser gewalttätigen Explosionen betrifft ja nicht nur die Hauptstadt Paris, sondern das ganze Land. Auch in den elsässischen Städten Straßburg und Mulhouse kam es zu Zerstörungen, Plünderungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Landesweit gab es mehr als 730 Festnahmen und man fragt sich, wie diese Nacht wohl verlaufen wäre, hätte PSG gegen Arsenal London verloren.

Alleine durch massive Polizeieinsätze wird Frankreich dieses Problem nicht in den Griff bekommen. In Paris waren 8000 (!) Polizisten mobilisiert, die aber letztlich die Orgie der Zerstörungswut nicht verhindern konnten. Das Problem, das zu diesen Gewaltausbrüchen führt, liegt wesentlich tiefer und kann nicht durch reine Repression (die leider nötig ist) behoben werden.

2027, sollte das rechtsextreme RN-ex-FN an die Macht kommen, wonach es momentan aussieht, wird sich das Problem weiter verschärfen. Dass diese Gewaltnächte dazu beitragen, dass die Rechtsextremen tatsächlich an die Macht kommen, scheint den jugendlichen Gewalttätern aus den Vorstädten nicht klar zu sein und Frankreich spaltet sich immer weiter.

Für „normale“ Bürger ist nicht nachvollziehbar, welche Gewalt bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Straße schwappt. Doch ist die Spaltung der Gesellschaft schon viel weiter fortgeschritten, als das die Menschen sehen. In den Vorstädten und „Problemvierteln“ hat der Staat völlig den Zugriff verloren, selbst Krankenwagen und Rettungsdienste werden in diesen Vierteln mit Steinen und anderem angegriffen, wenn sie dort auftauchen. Da sich dies aber abseits der Augen der meisten Menschen in den „Ghettos“ abspielt, wird diese Gewalt erst sichtbar, wenn die Jugendlichen aus diesen Vierteln zum „Feiern“ in die Innenstädte kommen.

Das Fußballspiel war nur der Vorwand, um sich in den Innenstädten auszutoben. Klar, einige der Randalierer trugen PSG-Trikots, andere hatten sich in die algerische Fahne (!) gehüllt, was natürlich eine Botschaft darstellt. Man sieht deutlich, dass die Zäsur zwischen den Vorstädten und den Innenstädten inzwischen nicht mehr zu überwinden ist, und dieses Problem gibt es nicht nur in Frankreich. Wenn in Kreuzberg oder Neukölln „Demonstrationen“ stattfinden, geht es auch nur selten um die vorgeschobenen Themen, es geht in erster Linie darum, den Staat zu provozieren und eigene Ansprüche auf „Gebiete“ zu manifestieren.

Dass gegen solche Gewaltexzessen mit Repression reagiert werden muss, ist klar. Doch wenn nicht endlich andere Maßnahmen ergriffen werden, mit denen die Ghetto-Situation aufgelöst wird, kann das alles schlimm enden. In fast ganz Europa gibt es Gesetze, die vorgeben, dass in Wohnvierteln ein bestimmter Prozentsatz Wohnungen in den sozialen Markt gegeben werden muss. Nur – das passiert nicht. Doch sollte man sich dann nicht wundern, wenn Menschen, die in Ghettos leben müssen, sich auch so benehmen, als seien sie Ghetto-Bewohner.

Bildungsangebote gibt es reichlich, doch werden diese nicht ausreichend genutzt. Sozialarbeiter gibt es viele, doch verpufft deren Arbeit im Verwaltungs-Dschungel. Die ganze Vorstadt-Problematik muss neu aufgerollt werden und zwar nicht unter dem Gesichtspunkt der Rechtsextremen, deren einzige Antwort auf die Probleme „Remigration“ heißt, sondern nach dem guten, alten Motto „Fördern und Fordern“.

Fehler werden von allen gemacht. Während die Linksextremen immer noch das Märchen vom „edlen Wilden“ aufrecht erhalten, ist für die Rechtsextremen jeder, der nicht so aussieht wie sie selbst, ein Krimineller. Doch eines ist klar – man kann nicht weiterhin bei diesen Gewaltexzessen zusehen, die Täter mit einer „Rechtsbelehrung“ (Rappel à la loi) „bestrafen“ und einfach nur hoffen, dass sich das nicht wiederholt. Denn die Gewalt wird sich nicht nur wiederholen, sondern intensivieren. Es ist Zeit, dass sich alle gesellschaftlichen Kräfte an den Tisch setzen und gemeinsam neue Modelle entwickeln. Bevor es zu spät ist.

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