Requiem für ein Hohes Haus (3)

Der dritte Teil des Abgesangs auf das Europaparlament. Weiterhin wird mir der Zugang zum Parlament verwehrt. Die Presseabteilung reagiert vorerst nicht mehr auf meine Akkreditierungsanfrage über ihr Webportal Joureg. Immerhin ein guter Grund, ein weiteres der Fotos aus den heiligen Hallen zu präsentieren, die sich in den über zehn Jahren meiner Präsenz angesammelt haben.

Der Erklärungsbedarf ist definitiv groß. Gut, dass sich die beiden obersten Europäerinnen wenigstens Zeit nehmen für die digitalen Konten der sozialen Netzwerke von Schülern und Studenten - und ebenso gut, dass sei dabei beobachtet werden. Foto © Michael Magercord

(Michael Magercord) – Wir konnten in den ersten beiden Teilen unserer Fotoserie mit Bildern aus dem Innern des Straßburger Europaparlaments schon erfahren, dass Fotos ein Eigenleben haben. Aus derselben Situation lassen sich Hunderte von völlig unterschiedlichen Bildern machen. Bliebt die Frage, ob sie alle schließlich auch dieselbe Situation zeigen.

Dieses dritte Bild unserer Serie ist wie schon das Foto zuvor im Keller des Parlamentes entstanden. Dieses Mal aber stammt es nicht direkt aus dem Pressesaal. Die Konferenz war beendet, die beiden Protagonistinnen befanden sich bereits auf dem Weg zum nächsten Termin. Das Bild ist also quasi im Vorbeigehen entstanden, und in jenem Augenblick, als es gemacht wurde, entstanden noch mindestens zehn weitere Abbilder derselben Szene. Keines der Fotos dürfte dem anderen gleichen, was nicht nur den unterschiedlichen Standorten der Fotografen geschuldet ist, sondern auch der jeweiligen Absicht, aus der heraus die Motivation erwuchs, diese Szene überhaupt über den Augenblick hinaus festhalten zu wollen.

Zum Inhalt: Zu sehen ist eine Gruppe von jungen Menschen aus Südeuropa, dem Alter nach vermutlich Studenten. Nicht wenige von ihnen halten ihr Smartphone in der Hand, mit dem sie gerade fotografieren oder gar filmen. Gerichtet ist ihre Aufmerksamkeit auf die zwei Personen im Vordergrund, die auf diesem Bild von hinten zu sehen sind.

Die Studenten hatten das Glück, an einem besonderen Tag im Parlament sein zu können. Es war der 27. November 2024. Gut fünf Monate nach der allgemeinen Wahl zum Europäischen Parlament ist die Bestimmung der EU-Topjobs endlich zum Abschluss gekommen. Schon im Juli konnte sich das Parlament sehr schnell auf die Wiederwahl der eigenen Präsidentin einigen, und zwei Tage später war unter den neuformierten Parlamentsfraktionen auch die Koalition zur Bestimmung einer neuen Präsidentschaft der EU-Kommission nach kurzem und von Vornherein ziemlich ungefährdetem Ringen geschmiedet. Jetzt fand sich im Parlament die nahezu gleiche Koalition der Willigen zur Bestätigung der von der Präsidentin vorgeschlagenen Kandidaten für den Rest der Brüsseler Führungsspitze zusammen. Somit war an diesem Tag die neue Kommission endlich auch parlamentarisch unter Dach und Fach gebracht.

Da standen sie nun, die beiden Präsidentinnen Europas: Roberta Metsola (Parlament) und Ursula von der Leyen (Kommission) kamen soeben aus der Pressekonferenz, in der sie nochmals betonen durften, wie wichtig die durch diese Wahl der Kommissare gesicherte Stabilität für Europa sei. Jetzt nur noch schnell in den Fahrstuhl, und wieder ab nach oben in die vor den Blicken Unbefugter geschützten Räume zu weiteren wichtigen Konsultationen über Europas Zukunft, oder vielleicht auch nur zu einem gemeinsamen Mittagessen.

Wir da unten blieben mit unseren Handys zurück. Allerdings hatten wir ein Abbild für die digitale Ewigkeit in unseren Apparaten von dieser kurzen Begegnung mit beiden Mächtigen gespeichert. Und egal, was im Einzelnen darauf zu sehen ist oder aus welchem Blickwinkel die Szene festhalten wurde: alle diese Fotos offenbaren den tiefen Sinn der Demokratie, den man vor allem auf dem obigen Bild erspüren kann.

Ich gebe zu, der letzte Satz kommt jetzt etwas allzu großspurig daher. Aber vielleicht lohnt es ja trotzdem, sich die Situation, unter der das Foto entstehen konnte, noch einmal vor Augen zu führen und dabei vor allem die Handlungsimpulse der Beteiligten, sprich der Abgebildeten und ihres Bildners, in den Fokus zu rücken.

Wir dürfen davon ausgehen, dass sich diese Situation spontan ergab und wohl keiner der Beteiligten dieses Zusammentreffen vorab organisiert hatte. Die Politikerinnen sind auf dem Weg zum Fahrstuhl, die Studenten schauen von der Treppe aus zu. Dann ein Zwischenstopp der beiden Frauen, ein kurzer Plausch mit den jungen Menschen. Worum es dabei ging, ist auf dem Bild nicht ersichtlich. Sieht aber so aus, als hätte der Inhalt des Austausches nicht für eine Konfrontation unter ihnen gesorgt.

Vermutlich ging es den Beteiligten der Zusammenkunft auch gar nicht in erster Linie um den Inhalt dieses Gesprächs. Worum dann? Stellt sich also zunächst die Frage, aus welchem Impuls heraus die beiden Spitzenfrauen unserer Union sich eine knappe Minute für die Gruppe junger Europäer genommen haben? Sie wollten sich bürgernah geben und besonders den nachwachsenden Europäern die EU menschlich näherbringen. Und die angenäherten Bürger? Sie warteten auf der Treppe und hofften, wenn nicht auf die Worte, so doch zumindest auf einen Blick auf die beiden Prominenten zu erhaschen. Und natürlich auch darauf, ein Foto von den beiden machen zu können. Und auch den beiden gefällt es sichtlich, sich bürgernah abbilden zu lassen.

Fasst man die Motivation aller an der Szene Beteiligten zusammen, dann war der Impuls, der zu dieser Begegnung geführt hat, die Begegnung an sich. Und sonst nichts? Doch, die Fotos, die dabei entstanden sind! Und mit dieser Erkenntnis kommen wir auch dem tiefen Sinn der Demokratie näher, der sich in dem obigen Bild erspüren lässt.

Das Foto zeigt die Stellung, die öffentliche Personen in unserem politischen Gefüge einnehmen. Auf dem Bild handelt es sich bei den beiden Mächtigen um von demokratisch gewählten Vertretern gewählte Amtsinhaber. Im Grunde müsste es uns ja egal sein, ob die Figuren, die die Positionen ausfüllen, die unsere demokratischen Institutionen bereitstellen, eine gute Figur machen. Austauschbar sollten sie sein und gemäß der Vorgaben ihr zeitweilig auszuübendes Amt halbwegs anständig ausfüllen, um nicht zu sagen: darin im Sinne der Aufgabe zu funktionieren. Mehr ist eigentlich nicht gefragt.

Allerdings zeigt sich auf dem Bild, dass eben doch noch andere Aspekte bei der Ausübung von Macht mitschwingen. Einmal sieht man durch die Haltung der jungen Menschen, unbedingt ein Foto oder Filmchen von den beiden Figuren im Vordergrund in ihre sozialen Netzwerke stellen zu wollen, dass wir durchaus den Amtsinhabern einen besonderen, um nicht zu sagen: einen von uns abgesonderten Status zugestehen, ja, geradezu erwarten. Sie sollen anders sein als ottonormal.

Und tatsächlich sie sind es auch. Denn für politische Ämter stellen sich in Regel Menschen zur Wahl, die den unbedingten Willen mitbringen, Macht ausüben zu wollen – oder wie sie sagen: etwas gestalten zu wollen. Diese selbsternannten Gestalter würden vermutlich weit über ihr Amt hinaus die Dinge „gestalten“ wollen, wenn die demokratischen Institutionen nicht ihre Gestaltungsräume begrenzen würden.

Das obige Bild entspringt also dem Spannungsverhältnis, in dem sich Demokratien bewegen. Es lässt uns den tiefen Sinn der Demokratie verspüren, den wir, seit ein einsamer Diktator sogar bei uns in Europa sein Volk dazu bringen kann, Krieg zu führen, umso mehr erkennen sollten. Die festgezurrten demokratischen Institutionen bilden nämlich den Rahmen, der den Gestaltungsdrang ihrer Repräsentanten klaren Regeln unterwirft, kurz: Demokratie dient in erster Linie dazu, die Ambitionen der Ehrgeizigen einzuhegen – wobei es dieser Einhegung auch deshalb bedarf, weil wir Bürger ja auch nicht immer in der Lage sind, unsere positiven wie negativen Reaktionen auf unsere Amtsträger in rationalen Bahnen zu halten.

Bleibt nur noch die Frage, welcher Impuls dafür gesorgt hat, dass ich quasi im Vorbeigehen von dieser Szene noch schnell ein Foto machen musste? Ob da nicht doch auch unterschwellig weniger rationale Beweggründe am Werk waren, als dieser etwas allzu großspurige Begleittext jetzt dem Bild zuweist?

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