Requiem für ein Hohes Haus (7)
Der siebte Teil des fotografischen Abgesangs auf das Europaparlament, der eigentlich schon der neunte hätte sein müssen.
Der Himmel über Europa. Nur einen Ausschnitt aus dem Himmelszelt bietet der Blick aus dem ovalen Innenhof des Europa-Parlaments zu Straßburg. Aber allzu freundlich scheint Petrus der größten gemeinsamen Institution des alten Kontinents gerade nicht gesonnen zu sein - und vermutlich nicht nur er... Foto © Michael Magercord
(Michael Magercord) – Ich gebe zu, dass ich so langsam zermürbt bin von der Hartnäckigkeit, mit der mich die Presseabteilung des Parlaments ignoriert. Ein Bravo für die Bürokraten! Ihr bleibt einfach immer die Sieger, vor allem, wenn ihr nichts tut. Zur Belohnung nun wieder ein Foto, das uns allerdings dieses Mal nicht ins Innere vordringen, sondern im Vorhof stehen lässt. Im Regen kann man immerhin fröhlich vor sich her trällern: singing in the rain…
Diese Serie mit Fotos aus dem Inneren des Europaparlamentes zu Straßburg hatte zwei Aussetzer. Die beiden Oktobersitzungen fanden ohne bildliche Begleitung statt. Aber natürlich ist das keinem aufgefallen, so wenig wie es überhaupt irgendwem auffällt, wenn das Parlament tagt. Hätte es nicht am 8. Oktober die Entscheidung über das Verbot der Benennung des Veggieschnitzels als Schnitzel gegeben, wäre wohl nicht ein Satz über die Arbeit der Abgeordneten nach außen gedrungen. So aber berichteten die Medien landauf landab und so manche ferne Beobachter fragten sich, ob die Parlamentarier dabei sind, endgültig genauso bekloppt zu werden wie ein echtes Schnitzel vor der finalen Pfannenlegung.
Aber wir wollen an dieser Stelle ja gerade nicht mit der Holzhammer-Methode vorgehen, sondern versuchen, mithilfe von Fotos dem Wesen der Institution ein wenig auf die Schliche zu kommen. Und heute versuchen wir es von dort, wohin wir ohnehin verbannt worden sind: von draußen. Wir bleiben in der so genannten Agora, dem Innenhof, der einst, als das Gebäude geplant wurde, als offener Begegnungsort zwischen Politikern und Bürgern gedacht war. Wenn es denn jemals dort zu einem spontanen Zusammentreffen von den Vertretern der beiden demokratischen Hauptakteure gekommen ist – mit den Sicherheitsmaßnahmen, die seit den Terroranschlägen in Frankreich vor zehn Jahren gelten, wurde das Parlament zur Festung.
Immerhin ist der Innenhof den sicherheitsgecheckten Besuchern weiterhin zugänglich. So kann also jeder Bürger, der in dem dunkel umbauten Oval steht, das Schicksal jener Abgeordneten teilen, die die Verlierer im Bürolotto waren. Die Fenster ihrer Kemenaten bieten im Gegensatz zu den Büros auf der Außenseite keine Aussicht auf die Stadt, das Land, nicht einmal auf den Fluss, die Ill, an deren Ufer das Parlament errichtet ist. Wie ist die Wetterlage? Wenn diese Loser von ihrem Büro aus etwas vom Himmel sehen möchten, müssen sie sich ganz schön über ihren Schreibtisch strecken – und dann?
Oh je, eine dunkle Wolkenfront zieht über den ovalen Ausschnitt des Büroschachts. Wenn das nicht ein Orakel ist! Über Europa braut sich einiges zusammen. Globaler Bedeutungsverlust, Abstieg vom hohen Ross ist angesagt, und nach Möglichkeit ohne zu purzeln. Allerdings weiß vor lauter Wachstumswahn niemand wie das geht, ein geordneter Rückzug in Würde. Stattdessen wird diese unfreiwillige Übung allen Beteiligten und vor allem den Unbeteiligten noch ganz viel Aua bereiten. Aber die Abgeordneten dieses ach so hohen Hauses haben immerhin die große Chance, den Abstieg einzuüben: Ist es nicht ihre Institution, die gerade den krassesten Bedeutungsverlust erleidet? Wer nimmt die Volksvertreter noch ernst, wenn der Ministerrat und damit die nationalen Regierungen sowieso alles entscheiden? Und so manches wieder zurücknehmen oder gar nicht erst ausführen, was zuvor im Plenarsaal zu Straßburg unter großen Wortgetöse entschieden wurde?
Ein Ausweg, der die Parlamentarier wieder etwas mehr Bedeutung verleihen könnte, wäre ein gezieltes Abrüsten in der Schlagzahl der unrelevanten Verordnungen. Dazu müssten Politiker allerdings weise werden und unterscheiden können zwischen wichtig und unwichtig. Ach was, werden sich die Abgeordneten sagen, wir erlassen einfach eine europäische Verordnung gegen die Zusammenrottung dunkler Wolken über dem Kontinent. Eine zusätzlich beschlossene Durchführungsbestimmung würde dafür sorgen, dass die Wolkenbilder einheitlich zu sein haben. Nicht etwa soll der Osten sich herausnehmen, dunklere Exemplare auf den Weg zu senden, als der vermeintlich hellere Westen.
Leider aber lassen sich die dunklen Wolken nicht durch eine europäische Wolkenverordnung vertreiben. Zumal im Ministerrat sicher wieder Nachbesserungen eingefordert würden, denn natürlich wird sich keine der nationalen Regierungen die Deutungshoheit über ihre Wolkenbilder einfach so nehmen lassen wollen. Der Ministerrat hat das letzte Wort, und wenn er was nicht will, was das Parlament will, dann wird so lange hin und her geredet, bis es eine Mehrheit der Abgeordneten auch will. Über das von ihnen zuvor beschlossene Lieferkettengesetz, das übrigens auch die Soja-Importe für Veggieschnitzel regelt, selbst wenn sie nicht mehr Schnitzel heißen, wurde ja schließlich auch von den Parlamentariern entsprechend dem Wunsch des Rates in abgeschwächter Form neu abgestimmt.
So fliehen die Wolken über dem Parlament also weiter fort und fort, genau wie das bißchen Macht, von dem die Parlamentarier vielleicht immer noch glauben, es zu haben. Fast könnte man beim Blick in den Himmel meinen, die Institution darunter sei überflüssig, wie so manche Rechtspopulisten behaupten, jene also, die ausgerechnet für das Verbot des Wortes Schnitzel für das Schnitzel gestimmt haben. Sich dann aber gleich wieder zu beschweren, man kümmere sich im Parlament nicht um das Wesentliche, das ist, als würde man noch auf einem Veggieschnitzel vor der finalen Pfannenlegung mit dem Holzhammer rumkloppen…
Es ist eben alles gar nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick in den Himmel scheinen mag. Es ist ja nur ein Foto, eine Augenblickaufnahme, wer weiß, ob es nicht schon eine Stunde später über dem Bürooval wieder alles eitel Sonnenschein war. Dann war hier auf dem Bild einzig und allein der Fotograf eitel, bildete er sich doch ein, sein düsteres Wolkenbild hätte irgendeine tiefere Bedeutung. Stattdessen wird er auch noch zugeben müssen, dass erst die digitale Nachbearbeitung auf seinem Bild den richtig dramatischen Himmel erzeugt hat. Außerdem weiß doch jeder Europäer, dass die europäische Zukunft nicht in den Wolken, sondern in den zwölf goldenen Sternen steht.
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