Schutzmachtfragen – „Der König von Ys“ in der Rheinoper

Ys. Das ist tatsächlich ein Ort. Also in der Utopie. Und auf der Bühne. Wo er allerdings untergehen wird. Also fast jedenfalls… Alles weitere ab Mittwoch in der Rheinoper!

Untergang mit Ansage. Das kommt davon, wenn man sein Traumschloss nicht in den Wolken errichtet, sondern unter dem Meeresspiegel. Und wenn dann die Wellen auch noch so heftig branden wie vor der Küste der Bretagne… Atlantis auf Bretonisch in der Rheinoper. Foto: Illustration von Sébastien Plassard, OnR

(Michael Magercord) – Ein Werk für die Schublade. Es will und will nicht klappen, die Oper auf die Bühne zu bringen. Woran liegt es? Gibt es objektive Maßstäbe, nach denen sich ein Kunstwerk bewerten lässt? Spielt bei den Theaterbetreibern nur der angenommene Zuschauerzuspruch eine Rolle? Woran liegt es bloß, dass sich trotz etlicher Anfragen niemand finden lässt, der die Utopie dieser Partitur zum Leben erwecken will?

Solche Gedanken mussten wohl dem Komponisten Édouard Lalo durch den Kopf geschossen sein, als er seit der Fertigstellung 1878 vom „König von Ys“ nur Absagen von den Pariser Häusern bekam, denen er seine Oper angeboten hatte. An der Musik kann es nicht liegen. Die entspricht doch ganz den Vorlieben seiner Zeit: ein wenig Wagner, ganz viel lyrische Passagen voller satter Klänge. Also ist der Inhalt schuld, das Libretto, die Story. Aber wen könnte diese alte mythische Legende aus der Bretagne nicht faszinieren? Aus jener westlichsten Region Frankreichs, die soeben von der künstlerischen Elite Frankreichs, allen voran den Malern, entdeckt wird. Und da auch noch die aktuelle Ehefrau des Komponisten Bretonin war und darüber hinaus Opernsängerin, was lag da näher als ein Ausflug an die Bucht von Douarnenez mit ihr in der Hauptrolle?

Und welch wunderbare Geschichte entspannt sich doch um das meerumschlungene Schloss Ys und die geplante Heirat der Königstochter Margared mit dem Prinzen des Feindes ihres Vaters, die aber doch einen anderen liebt, der aber wiederum ihre Schwester liebt, weshalb sie sich rächen und mit Hilfe der Feinde die Dämme, die das Schloss schützen, zerstören will. Aber ach, am Ende versinkt Ys doch nicht wie Atlantis für immer im Ozean, weil sich Margared opfert und der Schutzheilige der Stadt ein Erbarmen hat mit den Bewohnern.

Vielleicht war diese Geschichte doch nicht so nach jedermanns Geschmack? Oder traf sie einfach den Geschmack der Theatermächtigen nicht? Ist es nicht überhaupt immer einzig und allein Geschmacksache, wenn es um die Bewertung von Kulturgütern geht – zumindest, wenn sie ein bestimmtes Niveau erreichen? Denn letztlich handelt es sich bei Kulturfragen immer um Geschmacksfragen, und die wiederum sind ja immer auch Machtfragen.

Der Komponist gab nicht auf, und siehe, zehn Jahre nach der Fertigstellung fand die Oper „Der König von Ys“ ihre Uraufführung in der Opéra Comique von Paris. Und sie traf den Geschmack des Publikums: 500 Reprisen an dem Haus sprechen für sich, Übernahmen brachten die Prinzessin inklusive ihrem Schutzheiligem bis in die USA. Und nun auch in die Rheinoper zu Straßburg: „Der König von Ys“ unter der Regie von Olivier Py, der ja an gleicher Stelle vor vielen Jahren einmal über die Kunst des Theaters sagte, dass sich ihre künstlerische Utopie beim Verkauf der ersten Eintrittskarte verwirklicht habe.

Bleibt jetzt nur noch die Frage, ob sich dem Gebäude der Oper zu Straßburg nun auch noch ein Schutzheiliger erbarmen wird oder doch dem Untergang geweiht bleibt. In kaum einer Woche wird das Wahlvolk in der Stadt zur ersten Runde der Kommunalwahlen an die Urnen gerufen, aber so recht schlau wird man aus den Vorstellungen der Politiker zur Zukunft des guten alten Hauses nicht. Nur bei den Grünen weiß man, dass sie kein Erbarmen haben und alles neu machen wollen. Bei den beiden konservativen Kandidaten scheint es, als würden sie wohl irgendwie den opulenten Zuschauersaal gern erhalten wollen, aber wie? Und was meint die Favoritin der Umfragen, Catherine Trautmann, wenn sie zur Zukunft der Oper sagt: „Die Vision konzentriert sich zu sehr auf das Gebäude und schließe das Personal und das Material aus“? Spricht sie da etwa von einen kompletten Neubau oder was? Um das zu entschlüsseln, bräuchte es wohl einen keltischen Orakeldruiden aus der Bretagne.

Vermutlich entscheidet letzten Endes einmal mehr der Geschmack der Mächtigen über das Wohl und Wehe unserer Kulturwelt, denn wie gesagt: In der Kultur sind Geschmacksfragen immer auch Machtfragen – fragt sich nur, wer in diesem Ringen über mehr von beidem verfügt: Geschmack oder Macht?


Der König von Ys

Oper in drei Akten von Édouard Lalo aus dem Jahr 1888

Neuproduktion der OnR im Rahmen des Festivals ARSMONDO

Dirigent: Samy Rachid
Regie: Olivier Py
Musik: Symphonieorchester Mülhausen OSM und Opernchor Straßburg


Opéra Straßburg

MI 11. März, 20 Uhr
FR 13. März, 20 Uhr
SO 15. März, 15 Uhr
DI 17. März, 20 Uhr
DO 19. März, 20 Uhr

La Filature – Mülhausen

FR 27. März, 20 Uhr
SO 29. März, 15 Uhr

Die Aufführung dieser Oper wird vom Klassiksender France Musique aufgezeichnet und am 11. April um 20 Uhr ausgestrahlt. Danach ist die Aufzeichnung noch im Streaming-Dienst des Senders auf Radio France abrufbar.

Tickets und Informationen gibt’s HIER!

Weitere Veranstaltungen in der Rheinoper Straßburg:

Die Kunst der Romanze“

Rezital mit Pene Pati, Tenor
mit Melodien von Fauré, Massenat, Gounod und Tosti

DO 16. März, 20 Uhr


Festival ARSMONDO

EJ - Arsmondo - Foto Richard Pak OnR

Wie jedes Jahr bricht die Rheinoper zu einem Ausflug in die weite Welt der Kulturen auf. Das Festival ARSMONDO scheint nun reif für die Insel zu sein, denn dieses Mal steht die spezielle Kultur des geografischen Phänomens einer vom Meer umschlungenen Landmasse seinem Fokus.

Konzerte, Filme, Vorträge und Ausstellungen vom 12. bis 22. März führen uns von der vermeintlich rauen bretonischen Küste bis in die vermeintlich liebliche Südsee.

Das vollständige Programm von „ARSMONDO Îles“ findet sich HIER!

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