Seerosen zum Schwingen bringen – Ballett in der Rheinoper
Ein wunderbar poetisches Ballett in Blau findet schließlich seinen Weg nach Straßburg - wenn auch leider nur in den völlig unpoetischen rabenschwarzen Block des Maillon-Theaters.
Ideengeber des poetischen Tanztheaters sind die großflächigen Bilder der Seerosen von Claude Monet, den man auf dem Bild im eigens für seinen Gemäldezyklus eingerichteten Saal in der Orangerie zu Paris sieht - die Palette mit allen erdenklichen Blautönen noch in der Hand. Foto: Henri Manuel, 1920er Jahre
(Michael Magercord) – Man entschuldige die Farblosigkeit des obigen Begleitfotos zu dieser Ballettaufführung. Die wird natürlich live und in Farbe dargeboten. Und natürlich auch nicht von älteren Herren aus einem vergangenen Jahrhundert, sondern von einer Schar von zehn höchst biegsamen Tänzerinnen und Tänzern. Da aber der ältere Herr auf dem Foto aus den 1920er Jahren nun einmal mit seinen Gemälden von den Seerosen auf seinem Gartenteich den Anlass zu dem Tanzen gegeben hat, soll dieses Bild als Illustration zu der Vorschau auf das Ballett „All over Nympheas“ dienen.
Der zweite Grund zur Bildwahl ist aber auch, dass der poetischen Überraschung, die diese besondere Aufführung bieten wird, nicht mit einem schnöden Standbild vorgegriffen werden soll. Denn was der Choreograf Emmanuel Eggermontschließlich aus seiner Inspiration auf der Bühne entstehen ließ, mag sich wohl an der poetischen Macht seiner Ideenquelle messen lassen.
Nachdem der impressionistische Maler Claude Monet 1883 sein Haus in Giverny bezogen hatte, siedelte er Seerosen aus dem fernen Japan in seinem Gartenteich an. Sie wurden zum Motiv von 250 seiner Gemälde, wovon die acht größten mit einer Länge von acht Metern in dem nur für sie eingerichteten Saal in der Orangerie in Paris seit 1927 einen festen Platz haben. Seerosen wo man hinschaut, kein Horizont, kein Land in Sicht, ein Garten Eden ohne Menschen. Und trotzdem sind die Bilder voller Leben: jede Rose ist anders, schon allein, weil sie nur aus groben Pinselstrichen bestehen, weshalb sie alle zusammen ein hypnotisierendes Universum aus Farben bilden.
Und bald einhundert Jahre später nimmt sich Emmanuel Eggermont, der zuvor schon Tanzstücke zu den Werken vonSoulage und Kandinsky choreografiert hat, der Bildwelt Monets an. Flache Bilder dienen als Vorbild für bewegte Szenerien zwischen Menschen auf einer kahlen Bühne. Umso mehr zählt jede Geste, die zusammen das poetische Universum eines menschlichen Miteinanders bilden. Und weil das einerseits nicht allzu oft gelingt, und anderseits die Poesie in den seltenen Momenten des Gelingens umso überraschender zuschlägt, sollte nun ein Standbild diesem Moment nicht vorgreifen. Deshalb an dieser Stelle nur noch ein paar Sätze zu der anstehenden Aufführung aus der Wortkiste des üblichen Kultursprechs, die aber eher die Hilflosigkeit vor der poetischen Überwältigung ausdrücken, als ihr gerecht zu werden:
Die Bühne ist minimalistisch ausgestattet und nur durch Stangen geometrisch strukturiert, worin sich die Fortentwicklung der impressionistischen Malerei hin zu den großflächigen monochromen Bildern eines Marc Rothko oder Jackson Pollock in der so genannten All-over-Technik audrückt. Zu Bildern also ohne Fluchtpunkt, ohne Zentrum, ohne Hierarchie, die kein Fenster mehr zu Welt sein wollen und auf der Bühne für die Kontinuierlichkeit als Sinnlichkeitserfahrung sorgen werden. Unterstützt wird dieses Weltgefühl von der eigens von Julien Lepreuxkomponierten Musik, die allerdings vielleicht etwas zu gewollt zugleich mystisch und expressiv sein will.
Claude Monet hat seine Seerosen als künstlerische Reaktion auf die Grauen des Ersten Weltkrieges gemalt, „All Over Nymphéas” setzt dem aktuellen Ohnmachtsgefühl vor der Wirrnis der Welt ein inneres Aufbäumen der Schönheit der Gestik entgegen. Und weil es in den Worten aus der Kulturkiste doch alles ebenso stimmig wie schwammig klingt, nun noch das stimmigste und schwammigste Wort des Kultursprechs: Dieses Ballett kann durchaus als Meisterwerk seiner Kunst gelten.
Schade eigentlich nur, dass es in dem doch so kahlen Block des Maillontheaters dargeboten wird. Doch die Macht der Poesie wird auch die Phantasielosigkeit der Entscheider für die Architektur von Kulturbauten widerstehen – als Vorübung möglicherweise für den Umgang mit der in vielen Jahren dann vielleicht völlig kahlsanierten Oper zu Straßburg.
All over Nymphéas – Ballett
Choreografie von Emmanuel Eggemont aus dem Jahr 2021
Musik von Julien Lepreux
Theatre Maillon
SO 10 Mai, 17 Uhr
MO 11 Mai, 20:30 Uhr
DI12 Mai, 20:30 Uhr
10 Tänzer des Balletts der Rheinoper CCN
Eingespielte Musik
Tickets und Information: www.operanationaldurhin.eu
Und wer es doch nicht erwarten kann, eine Blick auf das Ballett zu erhaschen, der kann hier klicken!
Weitere Ballett-Veranstaltung der Rheinoper:
Mozart tanzen im 21. Jahrhundert
Die Serie der Tanzveranstaltung zu Musik von Mozart erfährt eine weitere Folge mit Choreografien von jungen Künstlern. Zwei Werke von Ruben Julliard und Marwik Schmitt stehen auf dem Programm. Dieses Mal handelt es sich allerdings um Stücke, die bereits in der Corona-Zeit digital dargeboten worden waren und nun endlich direkt live und in Farbe zu sehen sein werden.
Die Aufführungen erfolgen in Colmar am 21. und 22. Mai, eine Woche später in Mülhausen und am 19. und 20. Juni schließlich in Straßburg.
Russisches Ballett
Den Abschluss dieser Spielzeit der elsässischen Rheinoper bildet ein großer Ballettabend mit drei Choreografien zu Werken, mit denen die legendäre russische Balletttruppe von Diaghilev Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris das Tanztheater revolutioniert hatte: „Le Sacre du Printemps“, „L’Apres-midi d’un Faune“ und der „Bolero“ stehen zur Neuinterpretation an – und zwar am 10. und 11. Juni in Mülhausen und vom 25. bis 27. Juni in Straßburg.
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