So „isoliert“ ist Russland also
Bei ihrem Gipfel in Rio de Janeiro haben die BRICS+-Staaten die Angriffe der Ukraine auf die russische Infrastruktur verurteilt. Von wegen „isoliert“.
Wie "isoliert" Russland ist, sieht man in Rio. Die Hälfte der Welt steht hinter dem russischen Aggressor. Foto: Prime Minister's Office / Wikimedia Commons / GODL - India
(KL) – Als Wolodymyr Selenskyi vor wenigen Tagen im Straßburger Europarat sagte, dass „Russland vollständig isoliert“ sei, brandete Beifall auf. Doch nur wenige Tage später sollte man diese Aussage noch einmal überprüfen. Denn der 17. BRICS+-Gipfel in Rio de Janeiro zeigt das genaue Gegenteil dieser Aussage. Dabei ist das Problem des Westens, dass er weiterhin tapfer die Existenz der größten Staatengemeinschaft der Welt ignoriert – und die steht hinter Russland. Langsam, aber sicher, sollte man vielleicht anfangen, die Lage in der Ukraine nicht nach unserem eigenen Wunschdenken zu beurteilen, sondern anhand von Tatsachen.
Die BRICS+-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate stellen fast die Hälfte der Weltbevölkerung dar, dazu rund 38 % des Welt-BIP, und dieser Verbund steht offen zu Russland und hat in Rio ausgerechnet das angegriffene Land kritisiert, die Ukraine. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilen die BRICS+-Länder „die Angriffe auf Brücken und Eisenbahninfrastrukturen, die am 31. Mai sowie am 1. und 5. Juni 2025 in den Regionen Brjansk, Kursk und Woronesch der Russischen Föderation absichtlich auf Zivilisten gerichtet waren und bei denen mehrere Zivilisten, darunter auch Kinder, ums Leben kamen“.
Das klingt höchst seltsam zu einem Zeitpunkt, zu dem Russland die brutalsten Angriffe auf die Ukraine fährt, natürlich auch auf Infrastrukturen und zivile Ziele, doch das scheint die BRICS+-Staaten nicht zu stören. Die russischen Angriffe, die so heftig sind wie noch nie seit Beginn des russischen Angriffskriegs, werden in dieser Erklärung mit keinem Wort erwähnt und das bedeutet nichts anderes, als dass rund die Hälfte der Weltbevölkerung auf der russischen Seite steht. Wie kann man da behaupten, dass „Russland vollständig isoliert“ sei, was ja nichts anderes bedeuten würde, als dass ein militärischer Erfolg der Ukraine unmittelbar vor der Tür steht?
Der Westen wird immer mehr zum Opfer seiner eigenen Propaganda. Dass Propaganda ein altes Instrument der psychologischen Kriegsführung ist, das ist bekannt. Doch sollte man vermeiden, selbst an seine eigene Propaganda zu glauben, denn das verhindert, dass man die Lage realistisch einschätzt und entsprechend realistische Strategien entwickelt.
Der Umstand, dass Russland keineswegs isoliert ist und über zuverlässigere Unterstützer als die Ukraine verfügt, sollte in allen weiteren Überlegungen eine Rolle spielen. Diesen Krieg so weiterzuführen, wie er seit dreieinhalb Jahren abläuft, wird dazu führen, dass die Ukraine am Ende vollständig zerstört wird, dass eine riesige Zahl Ukrainer ihr Leben für Propaganda-Slogans opfern muss und dass der Satz „bis zum letzten Bluttropfen“ grausame Realität wird.
Dass Putin keinerlei Absichten hegt, diesen Krieg friedlich zu beenden, dass er nicht in der Ukraine einmarschiert ist, um dem Land einen „gerechten Frieden“ zu schenken, das dämmert jetzt langsam sogar unseren westlichen Führern.
Im Klartext bedeutet das, dass der Westen irgendwann Russland ein Angebot machen muss. Natürlich nicht mit Begeisterung, doch könnte man nun auch merken, dass alleine die Forderung nach dem Abzug der russischen Armee aus der Ukraine nicht ausreicht, um Russland ernsthaft an den Verhandlungstisch zu bekommen. Die russischen Forderungen liegen auf dem Tisch und sind, auch das ist klar, in dieser Form unannehmbar. Dennoch wird die Ukraine nicht umhin kommen, einige der Forderungen des militärisch überlegenen Russlands zu verhandeln und eventuell auch in den einen oder anderen sauren Apfel beissen müssen.
Dazu wird immer unverständlicher, dass man im Westen weiterhin die Existenz und die unglaubliche Macht der BRICS+-Staaten ignoriert. Der Westen handelt so, als gäbe es diese Supermacht überhaupt nicht und schließt ebenfalls die Augen vor der Tatsache, dass diese Länder eindeutig hinter Russland stehen. Dies sollte zumindest ein Ansatzpunkt sein, damit man wenigstens prüft, welche der russischen Forderungen verhandlungsfähig sind.
Ob allerdings ein realistischer Ansatz bei den westlichen Führern, die allesamt in der eigenen Propaganda-Falle stecken und sich gegenüber Russland unglaublich stark fühlen, ohne allerdings stark zu sein, eine Chance hat, ist fraglich. Doch wenn der Westen weiterhin so tut, als gäbe es die BRICS+ nicht, dann kann er weiterhin Milliarden in die Ukraine pumpen, ohne dass dies zu einem positiven Ergebnis führen kann. Es wäre an der Zeit, dass der Westen aufhört, sich die Situation schön zu reden und anfängt zu überlegen, wie dieser Krieg beendet werden kann. Mit Propaganda-Lügen wird das auf jeden Fall nicht funktionieren.
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