Still alive – Strasbourg Art Photography
Zwei Ausstellungen zur modernen Kunstfotografie im November in Straßburg weisen der Fotografie den Weg über die Grenzen hinaus - nicht nur wie einst beim „Strasbourg Art Photography“ über die Stadt- und Staatsgrenzen hinweg, sondern ebenso über die Grenzen des Genres.
Im Hotel „Citadines Kléber“ lassen sich die Bilder von sechs deutschen Künstlerinnen bestaunen. Eine kleine, aber feine Ausstellung, in der das Foto über sich hinausgeht. Foto: © Michael Magercord
(Michael Magercord) – Noch nie wurden so viele Fotos gemacht wie heute, Smartphone sei Dank. Und ab und an auch ziemlich gute Bilder. Es ist wohl so wie mit dem berühmten Affen, den man ewig lang auf einer Schreibtastatur hämmern ließe: irgendwann entstünde unter den Tausenden von Buchstaben ein halbwegs sinnvoller Satz.
Hinzu kommt, dass das Bild der bedeutendste Informationsträger unseres Zeitalters ist. Ein ziemlich aggressiver zumal. Nicht nur durch seine schiere Menge, sondern durch seine Wirkweise. Mit jedem Blick auf ein Foto geben wir ein klein wenig der Herrschaft über die Bilder in unseren Köpfen ab. Und was, wenn es gar kein richtiges Foto mehr ist, sondern künstliche, sogenannte Intelligenz bemüht wurde zu seiner Erstellung? Wenn also aus einem Text, der manchmal nur aus hastigen Stichworten besteht, die jeder KI-Affe ruckzuck hinbekäme, ein Abbild geformt wurde? Dann wird es endlich Zeit, dass man jedes Foto als das auffasst, was es im Grunde schon immer war, nämlich als Warnhinweis vor den wahren geistigen Eigentumsverhältnissen im Kopf: Achtung, Ihre eigene Bilderwelt gehört Ihnen eigentlich gar nicht.
Der Übermacht des Fotos lässt sich aber auch auf andere Weise beikommen. Und zwar, wenn man dem ursprünglichen Lichtbild einen weiteren Gestaltungsprozess angedeihen lässt. Dann nämlich kann zumindest der Erzeuger des modifizierten Bildes von sich sagen, dass sein Ergebnis ein bewusst herbeigeführtes Werk ist – zumal, wenn dabei noch Hand an das Foto gelegt wurde.
Beispiele dafür liefert eine kleine, aber feine Ausstellung im Hotel „Citadines Kléber“ in Straßburg, in der sechs Künstlerinnen aus Deutschland, die aber alle in engster Verbindung mit dem Elsass und Straßburg stehen, ihre Arbeiten präsentieren. So hat Ingrid Rodewald, deren Bilder sich mit der Natur beschäftigen, Fotos zu Kollagen mit Motiven von wilden Berglandschaften oder gestalteten Parkanlagen zusammengefügt. Ilona Maier wiederum fotokopiert ihre Fotos von Reisen und bearbeitet sie mit Wasserfarbe, sodass aus den konkreten Fotos Bilder aus zwei Wahrnehmungsebenen entstehen. Und die Straßburger Berlinerin Cosima Tribukeit zieht die Negativform ihrer Fotos zunächst auf transparentes Papier, um diese dann mit Aquarellfarben zu hintermalen. Mit dieser Technik gibt sie den Motiven aus den Wäldern der Vogesen eine besonders geheimnisvolle Note, die sich im Titel ihrer kleinen Serie niederschlägt: „Mys-tèrres“
Zusammen mit Werken dreier weiterer Künstlerinnen sind diese Werke im Rahmen von „Strasbourg Art Photography“ zu sehen. Eine zweite Ausstellung findet sich ab Mittwoch in der Bibliothek im Kellergeschoss des protestantischen Stifts St. Thomas, wo immer wieder interessante Kunst zu sehen ist. Dort werden dann tatsächlich Fotos gezeigt, die der Straßburger Fotograf Aurélien Dumez unter dem Titel „Tag für Tag, hier und anderswo“ zusammengestellt hat. Dass sich der Besuch – am besten schon zur Vernissage am Mittwoch um 18:30 Uhr – lohnt, dafür steht der Name des Gründers und Organisators des SAP: Ryo Tomo ist nämlich selbst einer jener Fotografen, dessen Bilder immer auch den poetischen Teil unserer Wahrnehmung nicht zu kurz kommen lassen. Mit Fotokunst auf diesem Niveau ist unsere Bilderwelt in den Köpfen noch etliche Jahre vor der KI sicher.
Strasbourg Art Photography – Ausstellungen in Straßburg
Die Ausstellung „Des artistes allemandes s’exposent à Strasbourg“ hängt noch bis zum 30. November im Hotel „Citadines Kléber“, 50-54 rue du Jeu-des-enfants.
Am MI 12. November wird die Ausstellung mit den Bildern von Aurélien Dumez „Jour après jour, ici ou ailleurs“ in der „Bibliothèque Protestante“ im Stift St. Thomas in Straßburg eröffnet.
Der Eintritt ist an beiden Orten frei.
Infos über Fotos, Fotografen und den alljährlichen Jugendfotowettbewerb des SAP gibt es HIER!
Ryo Tomos eigene Bilder finden sich HIER und weitere Aktivitäten HIER! E.L.D., le blog
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