Tanz über den Fluren der Macht (2/6)

Willkommen im Europaparlament: Wer sich auf den Fluren der Macht begegnet, begibt sich in eine Auseinandersetzung. Ausgetragen wird sie in einer repräsentativen Demokratie mit den Mitteln der Kommunikation – oder auf Fachidiotisch: der Politolinguistik.

Kommunikation auf engstem Raum - Wie in einem Labor zusammengesteckt und sich austauschen müssen, das sind Parlamente. Neben der Rede im großen Saal ist noch viel Kommunikation möglich. Etwa Gespräche auf dem Flur der Macht mit ihrer ganz eigenen Choreografie. Foto: © Michael Magercord

(Michael Magercord) – Wir hatten an dieser Stelle an einem anderen wichtigen Moment der europäischer Geschichte festgestellt: Politiker bilden eine ganz eigene Gattung Mensch. Etwas despektierlich sprachen wir von einer spezielle Sorte Mäuse, die in ihrem Laboren – den Parlamenten – als Studienobjekte beobachtbar seien. Damals diente uns ein ganz besonderen Exemplar des Straßburger Parlamentes als Anschauungsobjekt, der ein erstaunliches Einsichtspotential über seine Motivation, Politiker zu sein, preisgab: Es war der EP-Abgeordnete Nigel Farage, jener Brexit-Agitator der ersten Stunde, der die politische Kommunikation wie kein Zweiter beherrschte, der zugab, dass Politik etwas für Suchtmenschen ist.

Hier soll es aber in erster Linie um den gemeinen Politiker gehen und seine Art der Kommunikation. Dazu müssen sich zunächst alle Beteiligten, die Redner und seine Hörer, vergegenwärtigen, dass der Politiker an sich innerhalb der demokratischen Gesellschaft immer nur das nachführende Geschäft betreibt – und eben auch beim Reden.

Politiker agieren in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem sie durchzusetzen haben, was bereits – wenn auch nicht alles davon unbedingt schon mehrheitsfähig ist – tiefe Wurzeln darin geschlagen hat. Für das Pflanzen der Setzlinge sind andere zuständig. Manchmal sind Denker und Intellektuelle dazu in der Lage, meist aber ist es einfach die nackte Wirklichkeit, die in jedem von uns den Nährboden für das Neue bereitet hat. Politiker schwingen erst danach ihre Dreschflegel und hauen aus dem ausgereiften Thema ihre Phrasen heraus.

Deshalb sollte man auch besser weder das Handeln noch das Reden der Politiker mit dem Drängen überfordern, etwas wirklich Neues zu tun oder gar darüber zu sprechen. Das wäre weder die Aufgabe der Polito-Redner, noch entspräche es ihren Möglichkeiten.

Diese Unmöglichkeit hat nichts mit mangelnden Fähigkeiten zu tun, sondern mit der grundsätzlichen Natur der politischen Kommunikation: Man kann nämlich nichts wirklich Neues kommunizieren. Das Neue gibt es zwar schon, aber es ist unmöglich sich darüber auszutauschen. Man kann nur über etwas sprechen, was sich mit Bekanntem vergleichen ließe. Das Neue hat keine Vergleichsgröße, es stünde für sich. Etwas, das zwar schon da ist, aber fern der bekannten Wirklichkeit für sich steht, taugt kaum für eine politische Botschaft.

Um die altbackene Botschaft trotzdem brandneu erscheinen zu lassen, lässt man wenigstens die Worte, in die man seine Botschaft verpackt, neu erscheinen. Da sagt man etwa „Green Growth“ oder noch hübscher: „Green Deal“, und schon glauben vermutlich sogar selbst die Sprecher dieser Worte, dass sie damit etwas Neues verkünden. Doch da springt uns nun die Politolinguistik zur Seite und entlarvt den wahren Sinngehalt der Phrasen und bringt ihre Aussagen wieder auf den Boden der kommunikativen Tatsachen zurück: Mit diesen Worten wird einzig und allein über das schlechte alte Wirtschaftswachstum geschwafelt, das ja erst die Situation geschaffen hat, die verbal lediglich einen modischen Farbanstrich erhalten hat.

Es handelt sich also oft nur um dasselbe wie immer, der gleiche Umstand wurde lediglich mit einer neuen Emotionalität versehen – wobei es wissenschaftlich erst einmal egal ist, ob damit Gefühle hervorgerufen oder abgekühlt werden sollen, beziehungsweise negative oder positive Absichten hinter der Wortwahl stecken.

Was lernen wir daraus? Dass politische Kommunikation nun einmal einzig und allein die Vermittlung des bereits Bekannten ist. Und was können schließlich unsere ganz frisch und wieder frisch gewählten Abgeordneten davon mit in den Plenarsaal nehmen? Die demütige Erkenntnis, dass sie wiederum einzig und allein Akteure in einem nachführenden Geschäft sind.

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