Theater im Angesicht des Todes – TnS verübt Harakiri

Das Straßburger Nationaltheater TnS bietet ein Stück nur für Erwachsene. Was schockt so sehr, dass der Besuch der Vorstellung erst ab 18 Jahren empfohlen wird?

Popo hinterm Kimono... manchmal hilft es, besonders albern zu sein, um das Treiben auf der Bühne auf Schlagdistanz zu halten. Foto: Ximena y Sergio, TnS

(Michael Magercord) – Sind es die Nackedeis? Ihr ritueller Selbstmord? Oder doch die Schönheit, wegen der diese Vorstellung im Straßburger Nationaltheater TnS nur Volljährigen vorbehalten bleiben soll? Denn die Vorstellung von Schönheit, die diesem Stück zugrunde liegt, muss man erst einmal aushalten können: der Tod eines Radikal-Traditionalisten aus Japan wird von einer Punk-Regisseurin aus Katalonien in Szene gesetzt.

Da muss sich dann wohl selbst der volljährige Theaterbesucher auf einiges gefasst machen. Zumal schon vor Wochen ein Aufruf auf der Website des TnS zum Mitmachen aufrief: Vier junge Männer zwischen 16 (!) und 19 Jahren wurden als Figuranten gesucht, und dazu noch zwei ausgebildete Krankenpfleger, die sich zutrauen, auf offener Bühne Blut abzunehmen.

Also machen wir uns gefasst: Den durchgeknallten Dichter, der schließlich einen Sepukku – sprich: Harakiri – begeht, gab es wirklich. Es handelt sich um Mishima Yukio. Bekannt wurde er als ziemlich exzentrischer Schriftsteller, der des Öfteren auf der Nominierungsliste für den Nobelpreis stand, ihn aber nie gewann. Ob sein Ideal von Schönheit für die schöngeistige Literatur einfach zu absolut war? In Straßburg konnten wir vor acht Jahren seinen Roman Tempelbrand als Oper bewundern, worin ein Zen-Mönch den Goldenen Tempel in Kyoto abfackelt, weil er dessen vollkommene Schönheit nicht mehr ertragen zu vermag.

Das Schöne und das Absolute dann auch noch leben zu wollen, endet ja meist sowieso tragisch. Der echte Mishima, gefangen zwischen Moderne und Tradition, initiierte schließlich 1970 im Alter von gerade einmal 45 Jahren zusammen mit vier extremen Nationalisten einen als Putsch deklarierten Überfall auf eine Kaserne. An dessen Ende verübten sie die traditionelle Selbsttötung durch Bauchaufschlitzen mit einem speziellen Dolch und gegenseitiges Köpfen: der eigene Tod als letztes, somit absolutes „Kunstwerk“.

Wie weit die Darstellung der Autorin und Regisseurin Angélica Lidell auf der Bühne in die absoluten Höhen dieser Kunst vordringen wird? Wer sich traut, hat ab Donnerstag im TnS die Chance auf den ultimativen Test seines Schönheitsideals – und wohl bis aufs Blut. Und wer auch noch mit dem rechten Thrill so richtig ins Wochenende starten will, kann gar am Samstag, den 7. Februar, um halb sieben Uhr morgens seine Portion Schönheit im Theater abholen.

Und danach haben wir dann genug Zeit die Gretchenfrage der modernen Kunst zu klären: Wozu brauchen wir sowas eigentlich überhaupt? Eine gerade zu biblische Antwort liefert die Theater-Eigenwerbung in einer Liste um die Gründe, sich den Sepukku anzusehen, um nämlich das Lauwarme auszuspucken. Aus der Apokalypse des Johannes kommt diese Botschaft: „Ich weiß, dass du weder kalt noch warm bist. Wenn du doch das eine oder das andere wärst!Aber weil du weder warm noch kalt bist, sondern lauwarm, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken.“ Und lautet, nach dem auf der Bühne Blut gespuckt wurde, die Erkenntnis des Zuschauers in Anbetracht der absoluten Kunst dann womöglich: Ich bitte darum, möglichst lauwarm wieder ausgespuckt zu werden…

Sepukku – El funeral de Mishima

Idee und Regie: Angélica Lidell

Théâtre national de Strasbourg TnS

DO 29. Januar, 20 Uhr
FR 30. Januar, 20 Uhr
SA 31. Januar, 18 Uhr
MO 2. Februar, 20 Uhr
DI 3. Februar, 20 Uhr
MI 4. Februar, 20 Uhr
DO 5. Februar, 20 Uhr
SA 7. Februar, 6.30 Uhr – morgens !!!

Empfohlen ab 18 Jahren

Tickets und Information gibt’s hier


Folgenden Stücke im TnS:

Envisager la nuit – 6. und 7. Februar
En attendent Oum Kalthoum – 3. bis 7. März
KO Brouillard – 4. – 12. März
Piano Man – 5. – 13. März

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