Vom Wege abgekommen – „La Traviata“ in der Rheinoper

Wohin bloß noch mit der tragischen Violetta? Hat man die traurige Figur, die doch so lebensfroh daherkommt, nicht schon überall verortet? Im Puff, im Kaufhaus, in einem Swingerclub? Also dann ab noch in eine verlassene Fabrikhalle auf eine lustgetriebene Technoparty. Freiheit – oder was man dafür hält – verlangt nach ihrem zeitgemäßen Biotop.

Wenn’s im Leben zu bunt wird, kommen die Grautöne durch. Was übrigens ebenso auf der Bühne geschehen kann. Das bunte Treiben um die Lebefrau Violetta wird in der neuesten Inszenierung der „La Traviata“ der Rheinoper in eine graue Fabrikhalle verlegt. Foto: Illustration von Sarah Martinon, OnR

(Michael Magercord) – Wie so oft, wenn ein Kunstwerk zu normal daherkommt, stellt sich die Frage, was ist daran Kunst? Als Giuseppe Verdi in der Oper „La Traviata“ seine weibliche Hauptfigur eines natürlichen Theatertodes sterben ließ, war 1853 bei der Uraufführung in Venedig der Skandal perfekt: Kein Selbstmord, kein Eifersuchts-Gemeuchel? Der betrogene Liebhaber sticht weder zu, noch schießt er um sich oder würgt seine untreue Geliebte? Nein, sie stirbt einfach an einer banalen Schwindsucht – und das soll Kunst sein?

Heute sind wir ja eher froh, wenn die überspannten Gefühlswelten so mancher unserer Zeitgenossen sich nicht gleich in Mordgelüste verwandeln. Eigentlich könnte man sogar beruhigt über einen krankheitsbedingten Bühnentod sein. Aber wenn schon so banal gestorben wird, muss zuvor auf der Bühne trotzdem so richtig was los gewesen sein. Und wo wäre mehr los, als bei einer der legendären Fabrikhallenpartys im Berlin der Jahrtausendwende? Ab mit Violetta in einen postindustriellen Technoschuppen a la Berghain. Ins Milieu der Zeit aus Grunge, Ghost oder weiß der Geier was, Hauptsache viel Lust und Rausch und emotionales Chaos zwischen Herrschsucht und Unterwürfigkeit.

Das Setting, in das die deutsche Regisseurin Amélie Niermeyer die Halbweltdame Violetta und ihren inneren Kampf um die unerfüllbare Liebe versetzt, bietet den Raum, um das sadomasochistische Element der modernen Freiheit den passenden Rahmen zu geben. Es ist eine Freiheit, die in jedem Moment ihrer höchsten Ausübung ihren eigenen Tod durchlebt. Stirb, oh Freiheit, auf dass ich weiter leben kann! Zum „Sempra libera“, der verdischen Hymne des immerwährenden Freiseins, darf ein Transgender-Barkeeper immerhin den Boden wischen.

In Verdis Musik spielt – ähnlich den Filmen von Woody Allen – das unterbewusste Bewusstsein über die Sterblichkeit des Menschen die Hauptrolle. Es mag unbändig gefeiert werden oder drum herum die Orgie toben, musikalisch ist der Tod immer präsent. Keine Freiheit ohne Tod. Unerbittlich läuft der Countdown des Lebens. Und selbst wenn die letzte Arie, mit der Violetta noch in den höchsten Tonlagen gegen ihr Sterben ansingt, schon erstickt ist, wird das Leben in der Monotonie des finalen Sechs-Achtel-Taktes weiter ausgezählt, bis zum unerbittlichen Schluss. Verstörend, ganz so, als hätte Giuseppe Verdi bereits Woody Allen zitiert, der dasselbe eineinhalb Jahrhunderte später allerdings etwas schnörkelloser ausdrückt: „Der Tod? Ich bin strikt dagegen!“ – ob das allerdings noch in Zeiten gilt, in denen wieder für Kriege gerüstet wird, die für die Freiheit gefochten werden sollen?

Ab Montag kann man in der Rheinoper zuschauen, wenn bei Techno, Rausch und Lust versucht wird, das Freiheitsversprechen der Moderne einzulösen. Ob das gelingt, oder sein Scheitern wenigstens auf der Bühne überzeugend dargestellt werden wird? Diese bereits in der Oper in Dijon gezeigte turbulente Inszenierung konnte viel Applaus einheimsen und liess trotzdem so manche Zuschauer rat- und rastlos zurück. Aber vielleicht erfasst sie genau mit diesem richtungslosen Gefühl den Zustand der Freiheit in der Welt da draußen.

La Traviata
Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi aus dem Jahr 1853

Neuproduktion der OnR in der Koproduktion mit der Oper Dijon
Dirigent: Christoph Koncz
Regie: Amélie Niermeyer
Musik: Symphonieorchester Mülhausen OSM und Opernchor Straßburg

Opéra Straßburg

MO 24. März, 20 Uhr
MI 26. März, 20 Uhr
FR 28. März, 20 Uhr
SO 30. März, 15 Uhr
MI 2. April, 20 Uhr
FR 4. April, 20 Uhr
SO 6. April, 15 Uhr

Theatre Municipal – Colmar

MI 16. April, 20 Uhr
(konzertante Version)

La Filature – Mülhausen

SO 27. April, 15 Uhr
DI 29. April, 20 Uhr

Weitere Veranstaltungen in der Rheinoper Straßburg:

Romantische Hochzeiten“ – Liederabend mit Julian Prégardien, Tenor
mit Liedern von Schumann, Mahler und Ravel

DO 27. März, 20 Uhr

Kindermittwoch“ – Maskenbildner (ab 6 Jahren)
Kinder erleben am eigenen Leib, wie es ist, geschminkt zu werden
für Kinder zw. 8 und 12 Jahren

MI 2. April, 14.30 Uhr

Oper Straßburg, Saal Bastille

Tickets und Information gibt’s hier!

Weitere „ernste“ Kultur in Straßburg:

Konzert der Straßburger Philharmonie OPS

Gustav Mahler: Das Lied von der Erde

PMC, FR 4. April, 20 Uhr

Infos und Tickets unter diesem Link

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