Von der Rente…

Ob in Deutschland oder Frankreich, die Frage der Renten, deren Höhe und deren Sicherung lässt Regierungen wackeln und stürzen. Zugrunde liegt ein großer Irrtum.

Auch alte Menschen haben es verdient, würdevoll zu leben... Foto: Gerd Eichmann / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(KL) – An der Frage der Höhe und der Sicherung der Renten drohte letzte Woche die Berliner Regierungskoalition zu zerbrechen. An der Rentenreform in Frankreich scheiterten gleich mehrere Regierungen. Und auch anderswo wird das Geld für eine immer weiter alternde Gesellschaft knapp. Aber was ist eigentlich die Rente?

Der demographische Wandel, sprich die Vergreisung unserer Gesellschaften, ist eine Tatsache. Die Menschen werden immer älter, bekommen immer weniger Kinder und die Anzahl arbeitender Menschen sinkt. Und damit sinken auch die Steuereinnahmen, was zur Folge hat, dass ein immer größerer Teil der Haushalte für Rentenzahlungen verwendet werden muss.

Aber die Renten sind nicht etwa eine generöse Sozialleistung, mit der sich der Staat rührend um seine Alten kümmert, sondern Renten sind eine Art Rückzahlung eines Darlehens, dass die arbeitende Bevölkerung dem Staat während ihres ganzen Arbeitslebens gewährt hat, in Form von entsprechenden Rentenbeiträgen. Was der Staat mit diesen Geldern gemacht hat, das weiß kein Rentner und vermutlich wissen das auch nicht die aktuellen Politiker-Generationen. Aber, und das ist wichtig, Renten sind eben keine Sozialleistungen, keine Geschenke, sondern die monatliche Rückerstattung von jahrzehntelang gezahlten Beiträgen.

In Frankreich sollen die Menschen länger arbeiten, und auch in Deutschland will Kanzler Merz an die Sozialsysteme „’ran“. Hoffentlich verwechselt der Mann nicht das Rentensystem und die Sozialsysteme, denn das ist nicht dasselbe.

Man wird europaweit Regeln finden müssen, nach denen die Menschen inetwa gleich lang arbeiten sollten und dafür auch gleiche Rentensätze erhalten. Wenn das Geld knapp wird (und das ist es ja bereits), wird man nicht umhin kommen, Supergewinne der Großkonzerne abzuschöpfen, die Milliardenvermögen der Reichsten zu besteuern und die Ausgaben für Kriege und andere Dinge zu kürzen. Es kann nicht sein, dass einige Handvoll Milliardäre ohne dafür zu arbeiten ihre Vermögen explosionsartig vermehren, während man gleichzeitig überlegt, wie man alte Menschen möglichst reibungslos zusammenstutzt.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Heutzutage gibt es zu viele Parameter, die alleine bei der Frage der Renten zu berücksichtigen sind. Dass Menschen auch im Alter und nach einem Arbeitsleben würdevoll und anständig leben sollen, wird wohl kaum jemand in Frage stellen. Dass die Kosten des demographischen Wandels nicht alleine von den jungen Generationen getragen werden sollen, steht ebenfalls außer Frage. Dass der öffentliche Dienst finanziert werden muss, ist auch klar, Gesundheitssystem, Polizei, Verwaltung – da kann man nicht drauf verzichten. Dass es langfristig nicht funktionieren wird, wenn ein Arbeitnehmer die Rente für einen Rentner erwirtschaften muss, das ist auch nachvollziehbar. Und schon sind wir wieder beim Thema der Reformen.

Nach wie vor leben wir in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen, die allesamt aus der Zeit vor der Technologischen Revolution stammen, also aus einer Zeit, in der es noch nicht einmal Computer gab. Was wir heute in den Parlamenten erleben, ist der erfolglose Versuch, die heutigen Realitäten in längst veraltete Systeme zu pressen, was gar nicht funktionieren kann. Dass man in dieser Situation versuchen sollte, die Systeme auf die heutige Zeit anzupassen, darauf scheint niemand in der Politik zu kommen.

Doch ohne entsprechende Reformen, sowohl auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene, fahren wir unsere Gesellschaften an die Wand, wie man bereits heute erkennen kann. Das Börsensystem und die Finanzmärkte finanzieren schon lange keine wirtschaftliche Entwicklung mehr, sondern schöpfen das Geld ab, das in der Realwirtschaft erwirtschaftet wird. Und wenn sich die Finanzmärkte mal wieder überhitzen, dann muss die Allgemeinheit die Verluste tragen, mit dem seltsamen Argument „too big to fail“. Die repräsentative Demokratie repräsentiert kaum noch jemanden, es handelt sich um ein politisches System, das Minderheiten-Vertreter wie Friedrich Merz, Emmanuel Macron oder Keir Starmer an die Macht spült, die allesamt nicht einmal mehr 20 % ihrer Landsleute repräsentieren. Auch hier gilt – wir brauchen neue politische Systeme. Und in der Gesellschaft wird man darüber nachdenken müssen, ob man es sich wirklich leisten kann, ein Viertel oder Fünftel der Gesellschaft einfach vom gesellschaftlichen Leben in Armut auszuschließen – der Reformbedarf ist riesig.

Kleine „Not-Maßnahmen“ können die systemischen Probleme nicht beheben – was ansteht, ist eine Modernisierung und Reform aller gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systeme, nicht mehr und nicht weniger. Doch nach wie vor haben wir ein riesiges Problem – diejenigen, die diese Reformen starten und durchführen könnten, sind auch diejenigen, die persönlich am meisten von all den Unzulänglichkeiten der heutigen Systeme profitieren. Und somit werden wir wohl weiter zuschauen müssen, wie rings herum alles langsam, aber sicher zusammenbricht.

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