Weißröckchen als industrielle Einzelanfertigung
Alle Jahre wieder rieselt es aus dem Schornstein - Industrieschneelandschaft im Norden Straßburgs.
Traumhaft schön oder ein Albtraum? Industrieschnee im Park von Pourtalès am 21. Januar. Foto: © Michael Magercord
(Michael Magercord) – Schneeflöckchen Weißröckchen rieselt leise alle Jahre wieder auf uns im Norden Straßburgs nieder. Aufgewacht in der weißen Pracht sind wir am 21. Januar, und noch immer hält sich der Puderzucker auf den Bäumen im Park von Pourtalès und Umgebung.
Ja, ganz exklusiv nur für uns Nordlichter der Europahauptstadt fällt der Schnee. Schon einen Kilometer weiter herrscht nur das trübe Grau des Winters. Aber wir haben das große Glück, mitten in der Einschneeschneise zu liegen. Denn nur hier lässt die Wasserdampfwolke aus den Schornsteinen der Industriezone im Rheinhafen ihre in eisiger Höhe zu Flocken gefrorenen Wassertropfen fallen. Und weil es gerade einmal auch auf Erden etwas kühler ist, bleibt uns dieser Industrieschnee wohl noch ein paar Tage erhalten.
Die Freude über die Schneelandschaft ist groß, den Industrieschneetourismus zieht es nach Norden. Und die Freude ist getrübt, weiß man doch über die schnöde Herkunft des weißen Zaubers. Und wer genau hinschaut, erkennt auch, dass es sich gar nicht um echte Schneeflocken handelt. Was sich da an die Bäume klammert, ist lediglich schockgefrorener Wasserdampf. Genau hingeschaut, sieht es aus, als schaue man ins Gefrierfach.
Ach besser, man schaut gar nicht so genau. Getrübte Freude ist besser als gar keine Freude – oder was einem sonst noch an poetischen Wandlungen in Industrieschneezeitalter einfallen mag. Und nur keine Angst vor der dichterischen Phantasie, denn immerhin ist dieser Schneeersatz wenigstens halbwegs echt auf analogem Wege zustande gekommen und noch kein Produkt der phantasielosen KI.
Ach je, nun ist die ganze falsche Pracht doch schon dahingeschmolzen. Eine Stunde Tauwetter hat genügt, um den Spuk aus dem Schornstein ein Ende zu setzen. Vorerst jedenfalls…