Warten auf Ding – OPS spielt „Das Lied von der Erde“

Am 4. April setzen die Straßburger Philharmoniker ihre Reihe der Symphonien des mährisch-österreichischen Komponisten Gustav Mahler fort. „Das Lied von der Erde“ ist sein letzter vollendeter symphonischer Liederzyklus. Vorab erklingt „Die verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg.

„Mitten in dem kleinen Teiche steht ein Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan“, heißt es im dritten Gesang aus dem „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler. Wohl aus Bambus ist der Pavillon über dem Lotosteich auf der chinesischen Tuschzeichnung von Li Keran, worin zwei Freunde dem Regen lauschen. Foto: OPS / Li Keran

(Michael Magercord) – Ob Warten Zeitvergeudung ist, hängt nicht nur davon ab, worauf oder auf wen man wartet, sondern wie: ungeduldig, erwartungsfroh oder ängstlich. Oder ziellos, ein Warten um des Wartens Willen: Beim Warten auf Godot die Sinnlosigkeit des Seins erspüren. Oder wie tausend Jahre zuvor beim Warten auf Herrn Ding.

Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite die Schönheit dieses Abends zu genießen – wo bleibst du nur? Du lässt mich lang allein“, heißt es im letzten Gesang im „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler nach dem Gedicht „Übernachtung in Bergklause des Meisters Ye, umsonst auf Bruder Ding wartend“ von Mong Kaoyen. Eine Sammlung chinesischer Poesie aus der Tang-Dynastie inspirierte den Komponisten 1908 zu seinem großen symphonischen Liederzyklus. Sechs gemütsschwere Gedichte, die ihn, den Gemütsschweren, im tiefsten Inneren berührten.

In den Gedichten wird viel getrunken auf den Jammer der Erde, denn, so „Der Trunkene im Frühling“ von Li Taipo: „Wenn auch der Himmel ewig ist und die Erde noch lange fest steht, Leben und dann sterben, das ist das einzige, wessen der Mensch sicher ist – hört ihr ihn da unten, im Mondenschein, hört ihr den Affen, der da zusammengekauert sitzt und heult, einsam unter Gräbern?“

Können diese Worte Trost spenden? Gustav Mahler las diese Zeilen im Jahre 1908. Seine älteste Tochter war an Diphtherie gestorben, er musste nach einer antijüdischen Pressekampagne vom Direktorenposten an der Wieder Hofoper zurücktreten, und Ärzte hatten ihm die unheilbare Herzkrankheit diagnostisiert, an der er drei Jahre später sterben wird. Ein Komponist hat seine Art und Weise, mit den Tiefen umzugehen: Er hört in sich hinein und das Ergebnis der Bewältigung ist seine Musik.

Das monumentale Werk, das Mahler aus der Poesie schuf, wird als seine letzte Symphonie bezeichnet. Doch für ihn selbst war es ein groß angelegter Liederzyklus, sechs orchestral vertonte Gedichte, in denen die Sinnfülle des menschlichen Lebens durch dessen Kürze immer wieder auf die Probe gestellt wird. Was soll man denn das Universum verstehen können in der knapp bemessenen irdischen Existenz?

Lässt sich für den Komponisten diese Länge in der Anzahl der geschaffenen Symphonien bemessen? Der Zyklus wäre seine Neunte, würde er sie dazu zählen. „Alle, die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen die Zehnte schriebe“. Beethoven, Schubert, Dvorak, Bruckner, keinem ist es gelungen über eine Neunte hinauszukommen. Somit durfte „Das Lied von der Erde“ keine Symphonie sein. Mahler gelang zwei Jahre später doch noch seine Neunte, er starb aber, bevor er eine Zehnte hätte vollenden können.

Vielleicht schon in dieser Vorahnung ist der letzte und weitaus längste Satz mit dem Titel „Abschied“ genau das, ein Abschied. Als transzendent bezeichnete man später diese schwebende Musik, wie ein ewiges Ringen um einen Höhepunkt, der nicht kommen durfte. Das Werk endet, wie in musikologischen Abhandlungen zu lesen ist, „zwischen Abschiedstrauer und Ewigkeitsnähe“. Oder wie es weit profaner und klarer im letzten der vertonten Gedichte heißt: „Wenn nur ein Traum das Leben ist, warum denn Müh’ und Plag?“ Mahler selbst, so berichtet sein Dirigent und Freund Bruno Walter nach der ersten gemeinsamen Durchsicht der Noten des letzten Satzes, plagte eine echte Sorge um seine Zuhörer: „Ist das überhaupt zum aushalten? Werden sich die Menschen nicht darnach umbringen?“

Eine erneute Antwort auf diese Frage mag das Konzert der Straßburger Philharmonie geben. Warten wir es also ab, wie es sich anfühlt, wenn man mit der Musik von Gustav Mahler auf Herrn Ding wartet. Aller Vermutung nach kann man allerdings den Komponisten wohl schon an dieser Stelle beruhigen. Es stimmt zwar, dass auch unsere Zeiten ziemlich angespannt sind, aber diese wunderbare Musik wird uns unser irdisches Dasein heute wohl eher bereichern als es zu verkürzen. Zumal wir am Freitag im Palais de la Musique et des Congrès zuvor schon von Arnolds Schönbergs „Die verklärte Nacht“, dem tönenden Monument für Streichorchester, tief melancholisch gestimmt sein werden.

Konzert der Straßburger Philharmonie OPS

Arnold Schönberg – Verklärte Nacht
Gustav Mahler – Das Lied von der Erde

Dirigent: Robert Trevino

Gesangssolisten: Simon O’neill (Tenor), Justins Gringyte (Mezzosopran)

FR 4. April, 20 Uhr

Palais de la Musique et des Congrès

Am Donnerstag wird das Konzert um 20 Uhr live auf medici.tv übertragen

Karten und Infos unter diesem Link! 

Vortrag vor dem Konzert:

Étienne Ferrer über die Frage, ob „Das Lied von der Erde“ als lyrische Symphonie zu verstehen ist.

FR 4. April, 19 Uhr - Saal Marie Jaëll, Eingang Érasme, PMC

Weitere Veranstaltung:

Gastkonzert der Luxemburger Philharmonie im Rahmen der luxemburgischen Präsidentschaft des Ministerkomitees des Europarates.

Dirigent und Sologeige: Renaud Capucon

Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu ”Die Geschöpfe des Prometheus”

Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur

Felix Mendelssohn – Sinfonie Nr. 3 in a-Moll

MI 9. April, 20 Uhr im PMC


und zudem noch zwei Konzerte der OPS zum Vormerken:

Le Sacre du Printemps: Debussy, Mozart und Strawinsky – FR 25. April

2. Symphonie von Gustav Mahler – DO 22. und FR 23. Mai

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