“Der Erwartungsdruck ist auszuhalten”

Heute hat der Bundestrainer seine Statements zur aktuellen Situation abgegeben und auf Fragen geantwortet.

Jogi Löw macht nicht den Eindruck eines sorgenzerfressenen Bundestrainers

Das Zelt für die Pressekonferenz war heute deutlich besser besucht als bisher. Sehr viele wollten aus erster Hand erfahren, ob es auf alle Fragen auch Antworten gibt.

Jogi Löws Auftritt hat nichts Beschönigendes, Beschwörendes oder gar Geheimnisvolles. Aber er macht auch nicht den Eindruck eines sorgenzerfressenen Chefcoachs. Der Bundestrainer spricht eine klare Sprache – gleich zu Beginn weg. Wenn man etliche der Berichte oder Kommentare der letzten Tage gelesen habe, so der Coach, dann könne man den Eindruck gewinnen, das Trainingslager komme einem einzigen Lazarett gleich. Dem sei keineswegs so, hält Jogi Löw entgegen und ergänzt in dem ihm eigenen Duktus, man “sei schon auch im Trainingslager”.

Klar sei aber auch, dass zum jetzigen Zeitpunkt nicht alle “bei 100 Prozent” stünden. Nicht alle bei 100 Prozent? Man muss das “zum jetzigen Zeitpunkt” stärker gewichten, wenn man der Antwort des Bundestrainers eine akzeptablen Aussagekraft abgewinnen will – angesichts der aktuellen Situation. Fakt ist: Lahm, Neuer und Schweinsteiger darf man ungestraft als verletzt betrachten, ihre Befindlichkeit sorgt immer wieder folgerichtig für Nachfragen. Bleiben nachvollziehbare Antworten aus, kann man sich als Berichterstatter der Spekulation nicht entziehen. Dann bleibt lediglich das, was man selbst daraus sehen mag. Also lehne ich mich mal aus dem Fenster und teile an dieser Stelle mit, was ich glaube, verstanden zu haben.

Jogi sagt über die drei eben Genannten, sie würden, wörtlich,: “alle bei der WM fit sein”. Damit wäre Schweinsteiger dabei. Aber genau das zu glauben, fällt mir schwer angesichts dessen, was ich sehe, wie sich Schweinsteiger etwa auf dem Platz bewegt. Dazu kommt sein – von mehreren Kollegen gleichlautend beschriebener – missmutiger Auftritt beim Medientag gestern. Das klang eher nach Frustration als nach Zuversicht. Auch wenn Jogi feststellt, Bastian Schweinsteiger habe in den Tagen in Südtirol im “Ausdauerbereich aufgeholt”. Nun ja, man kann eine solche Formulierung auch interpretieren. Nützt also nichts, wir müssen weiterhin abwarten.

Sami Khedira sieht ein beruhigter Bundestrainer auf gutem Weg. Er werde physisch immer stärker, müsse und werde auch noch aufholen. Nein, beim neuen Champions-League-Gewinner sehe er keine Probleme. Das klingt gut. Damit wäre doch schon einmal ein wichtiger Pflock eingeschlagen.

Und wenn ich mich ganz verhört habe, dann hat Christoph Kramer sein Ticket nach Brasilien bereits gelöst. Der 23-jährige Mittelfeldspieler aus Mönchengladbach beeindruckt das Trainerteam vor allem mit seiner unglaublichen Laufleistung und seiner Ballsicherheit. Zu verbessern gäbe es allerdings noch ein paar, na ja, Kleinigkeiten. Das “vertikale Spiel” etwa, das geprägt ist durch schnelles Umschalten in die Offensive. In diesem Bereich sieht Jogi Löw aber auch noch generell bei der Mannschaft Verbesserungsmöglichkeiten. Ebenso wie in der 1:1-Situation. Das Spiel Mann gegen Mann sei die “Basis von allem”.

Wenn es auch keiner Entwarnung gleichkommt, aber die Defensive mache auf ihn einen guten Eindruck, sagt der Bundestrainer. Das habe auch das Spiel gegen die U20-Auswahl gezeigt. Nicht etwa, weil man mit den Youngsters einen übermäßigen “Gegner” bezwungen hätte, sondern weil unterschiedliches Abwehrverhalten in den verschiedenen Spielsituation simuliert werden konnte. Zur Zufriedenheit des Trainerstabs.

Ob Lukas Podolski auch als Sturmspitze gesetzt werden könne, kam dann irgendwann eine Frage, ausschließlich mit Stürmeraufgaben vertraut. Nein, bescheinigte Jogi Löw. Poldis besserer Dienst an der Mannschaft sei sein Spiel aus dem Raum. Das hatte er übrigens auch gestern beim Medientag zur allgemeinen Erheiterung unter Beweis gestellt. Jeckengleich kam der Kölner aus der Tiefe des Raums, schnappte sich einen Bildzeitungs-Reporter und bugsierte ihn kurzerhand in den Hotel-Pool. Schabernack oder Racheakt? Wer weiß das schon.

Über Martin Kissel (14 Artikel)
Alles über Martin Kissel kann man nachlesen unter www.derpodcast.de

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*



Copyright © Eurojournaliste