Alleine kommt da niemand ‘raus

Es wird allerhöchste Zeit, die nationalen Anti-Covid-Strategien aufzugeben und endlich auf europäischer Ebene gegen das Virus vorzugehen. Ansonsten werden wir uns noch Jahre damit beschäftigen müssen.

Der einzige Ausgang aus dieser Multi-Krise führt über einen europäischen Ansatz. Foto: Donald Trung Quoc Don / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(KL) – Zahlen, Statements, Gutachten, Experten, hilflose Politiker, strenge Maßnahmen, die seit bald einem Jahr massiv in unser tägliches Leben eingreifen – die Situation ist inzwischen völlig verworren, geprägt von „Fake News“, von persönlichen Interessen der handelnden Personen und wir alle erdulden eine Situation, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Seit einem Jahr versuchen alle Regierungen dieser Welt, Strategien zu entwickeln und umzusetzen, mit denen diese Pandemie bekämpft werden kann. Erfolg – null. Vielleicht wäre es an der Zeit, die bisherigen Ansätze auf den Prüfstand zu stellen, als blind weiter in Richtungen zu arbeiten, die nicht zum Erfolg führen können.

Leider betrachten immer noch viele Regierungen die aktuelle Situation als eine Gelegenheit zur persönlichen Profilierung. Dies erkennt man am Diskurs vieler Politiker in vielen Ländern, die alle behaupten, die Krise besser als alle anderen zu managen. Doch wenn man die Ergebnisse anschaut, muss man feststellen, dass sie alle gleich erfolglos mit der Situation umgehen.

Zu Beginn der Pandemie gab es grundlegend unterschiedliche Herangehensweisen an die Krise. Es gab die Länder, die im März 2020 die Schotten dicht machten, wie beispielsweise Frankreich mit einem extrem strikten „Lockdown“, und im anderen Extrem Länder wie Schweden, die Niederlande oder Großbritannien, die auf „Nichtstun“ setzen, darauf hofften, dass sich möglichst schnell mindestens 70 % ihrer Bevölkerungen infizieren, um eine „Herden-Immunität“ zu erreichen. Man erinnert sich sogar an den niederländischen Regierungschef Rutte, der achselzuckend erklärte, dass diese Strategie alleine in Holland bis zu 400.000 Opfer fordern könnte, was man aber bereit war zu akzeptieren. Das Ergebnis dieser unterschiedlichen Ansätze war leider das gleiche: Mal sanken die Zahlen ein paar Tage lang, dann explodierten sie wieder. Und in allen Ländern stiegen die Zahlen, und sie stiegen und stiegen. Man gewöhnte sich daran, bereits eine Verlangsamung der Ausbreitung als „Erfolg“ zu feiern, wobei „Verlangsamung“ in absoluten Zahlen immer noch einen enormen Anstieg der Fallzahlen bedeutete. Unterschiedliche Ansätze – das gleiche Ergebnis. Wäre jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, dies einmal nüchtern zu analysieren?

Man muss festhalten, dass bisher KEINE Strategie zu irgendeinem brauchbaren Ergebnis geführt hat. Im Gegenteil, selbst dort, wo es eine kurzfristige Erholung der Situation gab, wie beispielsweise in Irland, explodierten die Zahlen in dem Moment, in dem die strengen Maßnahmen auch nur ein wenig gelockert wurden. Staunte die Welt noch vor wenigen Wochen über die Ergebnisse des „Lockdowns“ in Irland, der kurzfristig die Inzidenz auf 35 Fälle pro 100.000 Einwohner und Woche senkte, so stellen wir heute fest, dass nur wenige Tage nach der Lockerung dieses „Lockdowns“ die Zahlen auf eine rekordverdächtige Inzidenz von über 600 gestiegen sind. Folglich kann man auch die irische Strategie getrost zu den Akten legen – sie hat nicht gewirkt.

Momentan klammern sich alle an der Hoffnung „Impfung“ fest. Doch auch das ist Augenwischerei. Ob die Impfung mit nicht ausgetesteten Vakzinen in einem Teil der Bevölkerung zielführend ist, das werden wir erleben. Allerdings erst in ein paar Monaten. Bis dahin werden sich auch die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Pandemie sichtbar entwickeln – in Europa werden Millionen Kurzarbeiter zu Arbeitslosen, die Sozialkosten werden explodieren, viele Firmen werden pleitegehen. Die psychologischen Auswirkungen der Pandemie werden sich wie ein Krebsgeschwür durch unsere Gesellschaften fressen und auch das schönste Impfprogramm wird diesen Prozess nicht stoppen können, denn selbst der Erfolg der Impfungen steht in den Sternen. Zum einen kann niemand sagen, wie erfolgreich die Vakzine tatsächlich in der Masse sein werden, zum anderen sind in vielen Ländern (beispielsweise Deutschland und Frankreich) rund zwei Drittel gegen die Impfung und wollen nicht an ihr teilnehmen. Damit ist die „Herdenimmunität“ durch eine Impfkampagne mehr als in Frage gestellt. Und es bleibt die Frage, was bis zu dem Zeitpunkt passiert, zu dem eine Impfkampagne tatsächlich greifbare Ergebnisse bringen könnte. Mit „Augen zu und durch“ werden wir auf jeden Fall nicht weiterkommen.

Es wäre keine Schande, würden die europäischen Regierungen einräumen, dass sie von der Situation überfordert sind – wer von uns würde schon behaupten, dass er oder sie aktuell gerne die Entscheidungsgewalt ausüben würde. Ein Eingeständnis, dass man mit der Entwicklung nicht alleine fertig wird, könnte die Türen für etwas öffnen, was bereits vor mindestens einem halben Jahr hätte passieren müssen: eine europäische Konzertation. Es nützt überhaupt nichts, wenn in einem Land kurzfristig die Zahlen etwas sinken, dafür aber in den Nachbarländern steigen. Denn das bedeutet logischerweise, dass die Infektions-Dynamik auf dorthin zurückkehrt, wo man vielleicht gerade etwas Entspannung hat. Wollen wir verhindern, dass diese Pandemie zu einer endlosen Ping-Pong-Partie zwischen den Staaten wird, müssen wir gemeinsam und abgestimmt handeln. Und zwar so schnell wie möglich. Mit einer europäischen Covid-Strategie, gemeinsam genutzten Ressourcen, als europäische Einheit. Das war doch mal der europäische Gedanke, oder?

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