Die Stunde der „Experten“

Niemand kann wirklich sagen, was da am Wochenende in Russland passiert ist. Die Ereignisse überschlugen sich und im Westen wird wild spekuliert. Einschließlich abenteuerlicher Interpretationen.

OK. So sah es Samstag um 12 Uhr aus. Was da genau passiert ist und warum, wissen nur Putin und Prigoschin. Foto: Dodolulupepe / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(KL) – Was wir über die Ereignisse am Wochenende in Russland wissen, ist herzlich wenig. Ja, die Wagner-Truppen haben kurzzeitig die Städte Rostow und Woronesch eingenommen und sind über die Autobahn in Richtung Moskau unterwegs gewesen. Ja, ein paar Stunden lang gab es einen Haftbefehl gegen den Wagner-Boss Prigoschin und ja, nur wenige Stunden später war dieser wieder aufgehoben und die Wagner-Söldner wurden zurück an ihre Standorte beordert. Während des Wochenendes schwadronierten zahlreiche selbsternannt „Experten“ darüber, was das alles zu bedeuten hat. Dabei schreckte der eine oder andere auch nicht vor seltsamen historischen Vergleichen zurück.

So erklärte ein „Experte“ eines großen Mediums, dessen Namen wir hier lieber nicht nennen wollen, dass die Wagner-Truppe vergleichbar sei mit den Aufständischen gegen Hitler am 20. Juli 1944. Viel falscher kann ein Vergleich eigentlich nicht sein. Die Wagner-Truppe ist eine kriminelle Söldner-Truppe, der es keinesfalls darum geht, einen Krieg zu beenden und das Ziel der Wagner-Truppe war keinesfalls ein Attentat auf Putin. Die Attentäter von 20. Juli 1944 waren überwiegend hohe Offiziere, die jahrelang das Hitler-Regime gestützt hatten und in der Erkenntnis, dass der Krieg verloren sei, diesen durch das Attentat auf Hitler beenden wollten. Prigoschin will keinesfalls den Krieg beenden, denn Krieg ist das Geschäftsmodell seiner Truppe.

Seltsam, dass diese „Experten“ sich nicht die Frage stellen, was da zwischen Prigoschin und Putin besprochen wurde, dass das, was andere westliche „Experten“ sogar als „Putschversuch“ bezeichneten, innerhalb von Stunden beendet war. Wenn man das Ergebnis dieses seltsamen Zwischenfalls betrachtet, könnte man sogar auf die Idee kommen, dass die ganze Aktion zwischen Putin und Prigoschin abgestimmt war, damit sich Putin als starker Führer Russlands präsentieren kann, der alles im Griff hat. In einem Krieg der „Fake News“ und der Propaganda-Lügen kann man auch diese Variante nicht ausschließen. Nur die „Experten“ konnten das, denn die meinen ja zu wissen, was in dieser Situation stimmt und was nicht.

Während westliche Medien die Ansicht vertreten, dass dieser Zwischenfall die Schwäche Russlands zeigt, den Abstieg von Putin einleitet, das Ende des Kriegs ankündigt, lohnt sich ein Blick auf die Realitäten. Abgesehen von ein paar inzwischen unbewohnten Dörfern und Siedlungen hat die ukrainische Gegenoffensive bisher nichts daran geändert, dass Russland nach wie vor rund 15 % des ukrainischen Territoriums besetzt hält, weiterhin täglich die Städte in der Ukraine bombardiert und nicht im Geringsten daran denkt, diesen Krieg als Verlierer zu beenden. Selenskys Jubelmeldungen, dass wieder ein unbewohnter Weiler zurückerobert wurde, ändern nichts daran, dass Russland weiter in der Ukraine wütet, Infrastrukturen zerstört und Anlagen wie das AKW in Saprorischa bedroht. An all dem hat der kurze Ausflug der Wagner-Truppe nach Moskau nichts geändert.

Nach wie vor betrachten beide Seiten die Lage durch ihre eigenen Propaganda-Brillen und wenn man ehrlich ist, kann niemand mehr in dieser Flut an Propaganda-Lügen wirklich sagen, wie es wirklich aussieht und wie es weitergeht. Doch zu behaupten, man wüsste, was in den Köpfen von Putin und Prigoschin vorgeht, das ist kein „Expertenwissen“, sondern eitles Gewäsch von Wichtigtuern, die meinen, sich in diesem Krieg einen Platz als TV-Kommentator verdienen zu können.

Weder ist der Krieg beendet, noch ist Putin gestürzt, noch sind die Wagner-Truppen aus dem Rennen. Nach diesem Wochenende ist Putin gestärkt, sind sein Verteidigungsminister Schoigu und der Armeechef Gerassimov immer noch in Amt und Würden und die Wagner-Truppen können sich ein wenig ausruhen. Wie man als „Experte“ diese Vorkommnisse als „Erfolg“ für den Westen und die Ukraine und ein Zeichen für den Niedergang des Putin-Regimes interpretieren kann, ist mehr als schleierhaft.

Der einzig sichere Fakt ist, dass wir keine Ahnung haben, was da am Wochenende wirklich passiert ist. Doch wenn man keine Ahnung hat, dann ist es manchmal nicht schädlich, zu schweigen und weiter Informationen zu sammeln. Vorschnelle Jubelmeldungen hören wir seit mehr als einem Jahr und bislang haben sich alle als falsch erwiesen. Ob das den „Experten“ nun passt oder nicht…

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