(Summer special 2022) – Luftverschmutzung: so schlimm wie Covid

Laut einer Studie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jedes Jahr 7 Millionen Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. Ein Phänomen, das inzwischen die ganze Welt betrifft.

Neu-Delhi, die Hauptstadt mit der weltweit schlechtesten Luft. Foto: Prami.ap90 / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

Bei all den vielen Weltkrisen neigt man dazu, andere Probleme zu ignorieren. Wie beispielsweise die katastrophale Luftqualität. Ein Problem, das die ganze Welt betrifft…

(KL) – Die Zahlen sind erschreckend, doch für dieses Problem werden keine Krisenstäbe eingerichtet, keine Restriktionen ausgesprochen, kaum Maßnahmen getroffen. Die Schweizer NGO „IQAir“ hat Daten aus fast 6.500 Städten auf der ganzen Welt analysiert und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis. 99 % der Weltbevölkerung atmen Luft, deren Verschmutzung zum Teil deutlich über den international festgelegten Grenzwerten liegt. Und jährlich sterben rund 7 Millionen Menschen an den Folgen dieser schlechten und vergifteten Luft. So richtig ernst nimmt man das Phänomen nirgends – laut dieser Studie hat 2021 kein einziges Land die entsprechenden Grenzwerte eingehalten.

Wenn man sieht, mit welchem Aufwand und mit welchen Kosten seit über zwei Jahren erfolglos gegen die Covid-Pandemie vorgegangen wird, ist es erstaunlich, dass man sich international zum Thema Luftverschmutzung mit Absichtserklärungen zufrieden gibt, an die sich fast niemand hält.

„Luftverschmutzung“, das klingt etwas schwammig. Konkret bedeutet „Luftverschmutzung“ einen hohen Anteil von kleinen und kleinsten Partikeln in der Luft, die Atemwege belasten, in den Blutkreislauf eindringen und schwerste Schäden anrichten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat einen Grenzwert von fünf Mikrogramm dieser Partikel in einem Kubikmeter Luft definiert. Doch von den fast 6500 untersuchten Städten in 117 Ländern halten lediglich 3,4 % diesen Grenzwert ein. Umgekehrt wurde in 93 Städten festgestellt, dass der WHO-Grenzwert um das Zehnfache überschritten wurde.

Die Folge: 7 Millionen Todesfälle, die auf diese Partikel und CO2 zurückzuführen sind. Doch wenn es um Luftverschmutzung geht, werden keine Dekrete erlassen, wird keine Maskenpflicht verhängt und niemand muss sich selbst eine „Ausgangserlaubnis“ ausstellen, wie es in Frankreich während des ersten Covid-Lockdowns praktiziert wurde. Als ob Luftverschmutzung ein „gottgegebenes“ Phänomen sei. Ist es aber nicht. Hauptverursacher dieser miserablen Luftqualität sind fossile Energieträger, wobei der Autoverkehr nach wie vor der größte Produzent von CO2 und Feinstaub ist. Auch das Verbrennen von Gas in der Stromproduktion setzt große Mengen dieser Schadstoffe frei. Kein Wunder, dass die WHO die Abkehr von fossilen Energieträgern fordert – Schade nur, dass niemand der WHO zuhört. Das liegt auch daran, dass dieses Problem der Luftverschmutzung einen Bereich betrifft, in dem viel Geld verdient wird und in dem folglich Lobbys aktiv sind, deren finanzielle und persönliche Möglichkeiten fast unbegrenzt sind.

Doch der Ukraine-Krieg könnte einen überraschenden Nebeneffekt haben. Die gesamte westliche Welt überlegt heute, wie sie sich von den fossilen Energieträgern aus Russland unabhängig machen kann und das betrifft nicht nur den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien, sondern auch eine deutliche Reduktion des Energieverbrauchs. So diskutiert man in Deutschland zum ersten Mal ernsthaft über die Einführung eines (zeitlich begrenzten?) Tempolimits, ein Thema, an das sich noch keine Bundesregierung getraut hat. Weniger fossile Energieträger zu nutzen, das würde automatisch eine Reduktion der Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Emissionen zur Folge haben und das würde ebenso automatisch Leben retten.

Vielleicht sollte die WHO die großen Pharmafirmen auf die Entwicklung neuer Filtersysteme und Energiespar-Prozeduren ansetzen. Wenn die Pharmafirmen etwas Entsprechendes entwickeln, dann kann man wenigstens sicher sein, dass auch genug öffentliches Geld vorhanden ist, um solche Neuerungen einzuführen. Ansonsten werden wir wohl weiterhin damit leben (und sterben) müssen, dass jährlich 7 Millionen Menschen den Interessen der Petrochemie und der Automobilindustrie geopfert werden. Irgendwie sind unsere Prioritäten und Werteskala aus den Fugen geraten.

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