Sicherheit: „Dann doch lieber Diskriminierung…“

Der französische Staatssekretär für Verkehr Alain Vidalies hat einen schrecklichen Satz gesagt, der die ganze Hilflosigkeit der Politik angesichts des Weltgeschehens aufzeigt.

In China gibt es schon längst Sicherheitsmaßnahmen in Metrostationen und Bahnhöfen - aber für alle... Foto: Tonyxy / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

(KL) – Als der französische Staatssekretär für Verkehr Alain Vidalies vom Radiosender Europe 1 interviewt wurde, stand er sicherlich noch unter dem Schock des Anschlags auf den Thalys-Zug zwischen Amsterdam und Paris. Doch dass ihn das dazu veranlasste, die Errungenschaften der westlichen Zivilisation mit einem Satz über den Haufen zu werfen, das war dann doch unangemessen.

Wie immer, wenn irgendwo auf der Welt ein Anschlag passiert, werden am Ort des Verbrechens die vorher nicht vorhandenen Sicherheitsmechanismen eingerichtet oder intensiviert. Vermutlich wird den Experten in der Ausbildung beigebracht, dass dort, wo ein Terroranschlag passiert, kurz darauf noch einer stattfinden wird. Das ist zwar noch nie vorgekommen, bringt aber immerhin den Vorteil, dass die Menschen rings um die Tatorte wenigstens das Gefühl haben, der Staat täte etwas. Genau so soll es jetzt auch in den Thalys-Zügen laufen, in denen die Sicherheitsmaßnahmen richtig groß aufgezogen werden sollen. Mit neuen Kontrollen, gegen die ja gar nichts einzuwenden wäre. Doch leider auch mit einer neuen Dimension der Diskriminierung, die Alain Vidalies billigend in Kauf nimmt.

Da die Anzahl der Reisenden in Bahnhöfen und Zügen zu groß sei, um alle wirksam wie beispielsweise in Flughäfen kontrollieren zu können, will Vidalies selektiv kontrollieren lassen. „Mir ist es lieber, wir diskriminieren auf wirksame Art und Weise, anstatt einfach nur Zuschauer zu sein“, sagte Vidalies und meinte damit – „ab sofort kontrollieren wir alles, was arabisch aussieht oder schwarz ist und wem das nicht passt, der hat eben Pech gehabt.“ Was dann mit Attentätern wie dem Norweger Breivik ist, der weder braune noch schwarze Haut hatte und trotzdem fast 70 Menschen kaltblütig ermordete, das sagte Vidalies nicht. Immerhin – ein Breivik hätte alle Chancen der Welt, unbeschadet durch eine solche Kontrolle von Vidalies zu rutschen.

Natürlich ist verständlich, dass die Politik agieren will. Nur bringt es nichts, ständig nur an den Symptomen herum zu doktern, gleichzeitig aber genau die Politik weiter zu führen, die bestehende Gräben zwischen dem Norden und dem Süden immer weiter aufreißt. Das wäre der Punkt, an dem man den Hebel ansetzen muss, um die Sicherheit auf der Welt nachhaltig zu verbessern. Dass selbst ausgefuchste Sicherheitsmaßnahmen Terroranschläge nicht verhindern können, das erleben wir praktisch täglich auf der Welt. Doch dies darf kein Anlass ein, die Diskriminierung von Mitmenschen anderer Herkunft zur Sicherheitsdoktrin zu erheben und damit die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen noch weiter anzuheizen. Damit erreicht man nämlich genau das Gegenteil von Sicherheit.

Dass die Menschen durchaus bereit sind, weitere Sicherheitsmaßnahmen zu akzeptieren, das weiß man. Nur sollten diese möglichst wirksam sein und wenn, dann auch alle betreffen und nicht das Verdachtsmoment der falschen Hautfarbe in Europa einführen. Denn das hat nichts mit Sicherheit, sondern nur noch mit angewandtem Rassismus zu tun. Wir können und dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass wir heute in multikulturellen Gesellschaften leben und wenn wir innerhalb dieser Gesellschaften anfangen, Diskriminierung und Rassismus zur Staatsräson zu erheben, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich weiter große Teile der Jugendlichen radikalisieren, zu dem Kriegsbrennpunkten der Welt reisen und noch radikalisierter wieder zurückkommen. Den Teufelskreis der Gewalt muss man durchbrechen und nicht durch diskriminatorische und rassistische Maßnahmen weiter befeuern.

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