Baguage des arbres: Die traurigen Straßenbäume von Straßburg

Am 30. März geht es den Bäumen rund um den Straßburger Place Austerlitz um den Kragen: bei einer “Baguage des arbres”. Die “Baumberingung” soll uns an ihre wichtige Rolle für das Stadtklima erinnern - Trouver plus d’informations à la fin de l’article.

Knubbel oder was - die traurigen Strassenbäume von Strasbourg... Foto: Michael Magercord / CC-BY-SA 4.0int

(Michael Magercord) – Bäume in der Stadt sind gefährdete Wesen. Wie oft werden ihre Standorte anderen Interessen als ihrem Überleben preisgegeben. Das aber heißt: Sie, die Sesshaften, die Festverwurzelten werden einfach gefällt – ist es nicht endlich an der Zeit, Stadtbäume zu beringen und im Auge zu behalten wie gefährdete Vögel?

“Wie sehen die denn aus?” Jedes Mal, wenn ich mit Besuchern aus Deutschland durch Straßburgs Straßen schlendere und sie die Straßenbäume von Straßburg erblicken, deren Astwerk oft zusammengestutzt wurde auf Knubbel, die erst am Ende des Frühlings kaum mehr als reisighafte Ruten mit etwas Blattwerk hervorbringen, stellen sie fast alle diese eine Frage. Typisch Deutsche, sorgen sich um Bäume, mögen gestandene Straßburger noch frotzeln, germanischer Waldfimmel, und dann noch mitten in der Stadt…

Straßburg wird, soviel scheint sicher, bereits in nächster Zukunft nicht weniger, sondern mehr Bäume, vor allem richtige Bäume brauchen. Denn alle Klimaszenarien sagen dem Oberrheingebiet besonders heiße Zeiten voraus. Für das Umweltbundesamt gehört es “im deutschlandweiten Vergleich zu den durch den Klimawandel am stärksten gefährdeten Regionen”, die Hitze sowie Starkregen- und Hochwassergefahr werden rasant zunehmen. In pessimistischen Voraussagen wird für Straßburg ein Plus von vier Grad Celsius am Ende des Jahrhunderts erwartet. Schon ab 2050 soll es danach an 107 Tagen wärmer als 25 Grad sein, heute sind es 55 Tage. Der Klimatologe Jean Jouzel warnt: In der zweiten Jahrhunderthälfte könnte der Hitzerekord im Osten Frankreichs 55 Grad betragen, den dann höchsten Wert im ganzen Land.

Doch immerhin gibt es ein relativ wirksames Mittel, wie es nicht zuletzt das bundesamtseigene “Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung”, kurz KomPass, empfiehlt: unbebaute Grünflächen und ein großer Altbestand von Bäumen sorgen für Abkühlung und den Erhalt des Grundwasserpegels, ohne den sich die Natur kaum in der Stadt halten lassen wird. Schaut man allerdings auf den Planungseifer des letzten Jahrzehnts in Straßburg und darauf, was derzeit geschieht und dann auch noch auf das, was für die nächsten Jahre noch alles so geplant ist, erkennt man eher die gegenteilige Tendenz.

Eine Dauerbaustelle von Straßburg bis nach Kehl und die starke Verdichtung der Vororte, statt Grün in den Innenhöfen der Stadt meist Schuppen und Garagen, und in der Altstadt wird selbst bei Neugestaltungen vornehmlich versiegelt. Kaum zu glauben: in den 70er Jahren waren auf dem Platz zwischen Münster und Palais Rohan zwar noch Parkplätze, doch die Fahrzeuge standen unter großen alten Bäumen. Und der Place Kléber kam um die Jahrhundertwende fast einem Stadtpark gleich…

Zur – zugegeben fragwürdigen – Ehrenrettung der Straßburger Bauwut sei gesagt: nicht nur in der Hauptstadt des französischen Elsass wird versiegelt, auch die Neuplanung des Platzes vor der Universität in Freiburg bringt Experten zum Lachen. Eberhard Parlow, Professor für Meteorologie und Klimatologie in Basel, von der Mittelbadischen Zeitung nach den Gründen gefragt, warum heute noch Grünflächen mit Bäumen plattgemacht und mit Granitplatten belegt werden: “Ich nehme mal an, Granitplatten verursachen im Herbst keine Kosten durch fallendes Laub”. Ja, so banal können die Gründe sein, etwas Absurdes zu tun, lachte – laut redaktioneller Anmerkung – der Professor.

Also Bäume: Die Stadtverwaltung von Straßburg verweist auf ein starkes Engagement für seinen Grünbestand und spricht von “Erneuerung” von jährlich fünfhundert Bäumen. Doch was bedeutet das? Abholzung alter großer Bäume, die schon heute Schatten werfen könnte? Eine weitere Gefahr für den Altbestand sind die Wohnanlagen, die derzeit überall aus dem Boden gestampft werden. Und da den Investoren erlaubt wird, fast das komplette Grundstück zu bebauen, bleibt kaum Platz für große Bäume. Wozu auch, sind es doch häufig die Bewohner, die keine Bäume vor ihren Balkonen dulden. Aber einmal abholzt, um mehr Helligkeit zu haben und Strom zu sparen, zeigt sich schnell der Holzweg: Die Sommersonne muss nun durch heruntergelassene Jalousien abgeschirmt werden, tagsüber ist es zappenduster in der Bude und das Kunstlicht brennt umso länger.

Keine gute Idee, und es zeigt sich, dass der Erhalt von ausladenden Altbäumen in der Stadt nicht bloß eine Frage des Fimmels ist, sondern eine der zukünftigen Lebensfähigkeit in unseren Städten. Eine kulturelle Frage ist der Baumfimmel trotzdem, aber eine der praktischen Kultur: Wie weit sind Menschen bereit und fähig ihre Wertigkeiten an sich verändernde äußere Umstände anzupassen? Und warum fällt das so schwer, wenn es doch so einfach ginge, nämlich indem man den Baum eben nicht fällt?

Wir urbanen Menschenkinder sind etwas behäbig in der Veränderung unserer Prioritäten, zu langsam für so manchen Baum, und damit letztlich vielleicht auch für uns selbst. Damit wir aber wenigstens schon heute wissen, wie ernst es ist, wenn ein Baum gefällt wird, könnten wir ja mal spaßeshalber den Versuch unternehmen, Bäume als Wesen zu begreifen. Und zwar als besonders sesshafte, die mit ihren Wurzeln fest und unverbrüchlich mit dem Ort verbunden sind, an dem sie stehen. Fester und unverbrüchlicher – soviel kann jetzt schon als gesichert gelten – als wir.

Eine symbolische Baumberingung auf dem Place Austerlitz in Straßburg soll uns am kommenden Samstag an unsere Abhängigkeit von Stadtbäumen erinnern. Und wer es darüber hinaus noch mit Sprichwörtern hat, dem sei diese Weisheit aus dem animistischen, also naturverbundenen Afrika mit gegeben auf seinen Weg in den Stadtteil Krutenau: “Der beste Moment, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren, der zweitbeste ist jetzt” – wobei hier natürlich deren Straßburger Version gültig ist: “Der zweitschlechteste Moment einen Baum zu fällen, war vor zwanzig Jahren, der schlechteste ist jetzt.”

Baumberingung – Baguage des arbres
SA 30. März ab 18 Uhr mit Animation und Musik
Place Asterlitz in Straßburg, Stadtteil Krutenau
SAM 30 mars á 18h, avec animation et musique
Place Austerlitz, Strasbourg, Krutenau

Information (auf Französisch) hier / ici !

Aufruf im Original:

Protégeons nos arbres à Strasbourg !

Célébrons nos arbres et remercions-les pour les services précieux qu’ils nous rendent, notamment en ville : assainir l’air, rafraîchir la ville, réduire le bruit et diminuer le vent, réguler les inondations, apaiser les habitante·s tout en égayant leur cadre de vie… les vertus des arbres sont extraordinaires !

Nous vous donnons RDV le samedi 30 mars 2019 place d’Austerlitz à 18h pour « baguer » symboliquement les 4 grands arbres de la place.
Ce baguage a pour vocation de les protéger de toute coupe intempestive.

Trop d’arbres ont été coupés à Strasbourg ces dernières années. Citoyennes et Citoyens, nous avons décidé de nous mobiliser pour protéger ces êtres intelligents, sensibles et précieux qui sont nos amis.

Il est vital d’atténuer les impacts du réchauffement climatique et de réduire la pollution atmosphérique. Il est fondamental de favoriser le lien social et d’embellir le paysage urbain en développant sa dimension végétale.

Protégeons nos arbres avant un jour d’en planter par milliers !

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